Sims Alabim; 2011-01-28
Gerade sah ich beim Einkaufen im Supermarkt einen vorbildlichen Einkäufer.
Da wo ich ein paar Jutebeutel dabei habe, um nicht dauernd aus Verlegenheit eine Plastiktüte erstehen zu müssen, war er gleich mit einem hölzernen Leiterwagen versehen, der es ihm erlaubte, weit größere Einkäufe co²-neutral an den heimischen Herd zu bringen, als ich dazu im Stande wäre. Sorgfältig prüfte der gute Mann Verpackung, Herkunftsland, Inhaltstoffe und Biozertifikat aller für seinen Einkauf in Erwägung gezogener Konsumgüter, und nur das Beste und Unbedenklichste schien gut genug für seinen Leiterwagen.
Ich bekam ein größeres schlechtes Gewissen, als ich es sonst beim Einkaufen bekomme, denn dieser Mann machte mir vor, wie es noch besser geht.
Bis wir uns beim Milchregal in die Quere kamen.
Wie auch ich bevorzugte der Herr Milch der Marke ***** ; und zwar nicht fettarm, keine H-Milch, und natürlich in der ausspülbaren und wiederverwenbaren Flasche, dem Tetrapack gleichen Inhalts aus energetischen und abfallwirtschaftlichen Gründen natürlich vorzuziehen. Es waren noch vier Flaschen da und der Herr lud sie alle Viere in seinen Leiterwagen. Vielleicht hat er zu Hause viele Mäuler mit Müsli zu versorgen, vielleicht war das auch einfach sein üblicher Vorratseinkauf. Ich jedenfalls stand jetzt da und als einzige Wahl blieb mir entweder die ekelige fettarme Variante in der Flasche oder die leckere Milch im Tetrapack. Bevor ich mich letztlich für das Tetrapack und gegen mein Gewissen entschied, überlegte ich, wie es wohl wäre, den Herrn darauf anzusprechen, dass sein ihm unbedenklich und folgenlos erscheinender Vorratseinkauf an Flaschenmilch einen anderen, ebenfalls umweltbewußten Einkäufer zum Griff zur nicht recyclebaren Verpackung zwänge, und ob es nicht in unserem gemeinsamen, ja dem gemeinsamen Interesse seiner sowie meiner potentieller Nachkommenschaft läge, wenn er eine der Milchflaschen an mich abträte, um damit nicht durch seinen umweltschonenden Einkauf der direkte Urheber meiner Umweltsünde zu sein.
Vor meinem geistigen Auge entsponn sich darauf eine Szenerie, die einer Episode von “Curb your Enthusiasm” , der legendären Serie von Larry David über Minenfelder des sozialen Miteinander, würdig gewesen wäre.
Die Tatsache, dass mein Argument nur so lange haltbar sein würde, wie man von der Annahme ausging, dass außer uns Beiden kein dritter, vierter oder gar fünfter Einkäufer ebenfalls das Interesse an, und damit das Recht auf gewissensentlastende Flaschenmilch haben würde, war nicht der Grund, warum ich den Herrn nicht auf unser Dilemma ansprach.
Es war mir einfach zu blöd.
Cabuflé; 2011-01-09
Liebes Internetz-Weblog
Nach einem an sich außergewöhnlich schönen, aus gewissen Gründen für mich jedoch frustrierenden Tag kaufte ich heute ausnahmsweise eine NEON, um ein bisschen Hass zu tanken. In der U-Bahn dann gemerkt, dass ich sogar zu müde bin, mich aufzuregen. Artikel über Beischlafstellungen und junge Frauen in Führungspositionen mit wohlwollendem Desinteresse durchgelesen.
Danach habe ich bei Ikea, wo ich ein schmuckes Regal für Malibus und mein WG-Bad kaufte, ein kleines Kind vor einem schweren Unfall bewahrt. Im Erdgeschoss zogen Angestellte große Palettenwägen mit einem rechten Tempo hinter sich her, und als einer von denen das kleine Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, nicht sah, das seinen Weg kreuzte, schrie ich laut “Achtung!” sprang dazwischen und hielt schützend meine Hand vor das Gesicht des Kindes. Der Mann brachte sein schweres Gerät zum Stehen, nur Zentimeter von dem kleinen Kopf entfernt.
Ich nahm den hastigen, schockierten Dank des Mitarbeiters unterkühlt entgegen und verschwand ohne den Dank der Mutter abzuwarten wie ein Superheld.
Und als ich mir Minuten später die Geschichte in Gedanken selbst erzählte, hätte ich gern gewütet über den unachtsamen Arbeiter und - mehr noch - die pflichtvergessene Mutter, die ihr Kleinkind in einem überfüllten Geschäft am Samstagabend einfach frei herumspringen ließ; ich wollte mich so richtig zünftig ärgern über all die dummen unnötigen Menschen, mit denen ich mich an einem ohnehin schon beschissenen Abend auseinandersetzen musste.
Es ging nicht.
Der Mann hatte mit Sicherheit den ganzen Tag für einen miserablen Lohn geschuftet und wollte nichts anderes als seine Arbeit schnell und reibugslos zu Ende bringen. Da kann einen die Konzentration schon kurz verlassen. Die Mutter war dem Anschein nach alleinerziehend und hatte sich nach einem arbeitsreichen Samstag noch zum Möbelkauf geschleppt - mit Nachwuchs, denn der Babysitter für den Tag hat schon genug gekostet - sich umso mehr bemüht, ihre drei Kinder nicht die eigene Erschöpfung spüren zu lassen und in der zum erbrechen freundlichen Umgebung des Einrichtungshauses schlicht nicht mit dieser Art Gefahr gerechnet. Als ich sie später noch von weitem sah, hatte sie die Tochter auf dem Arm.
Wer wäre ich da, der nicht schuftet für sein Geld und mit Verantwortung für auch nur einen Mitmensch restlos überfordert wäre, diese braven Leute nicht zu schätzen, zu bewundern und heimlich in den Arm nehmen zu wollen?
Auf dem Heimweg noch bei Kaiser’s Lebensmittel eingekauft. Draußen rauche ich eine Zigarette, mit deren Resten ich alsbald den öffentlichen Raum zumülle und trinke einen Banane-Ananas-Smoothie zur Seelentröstung. Nicht Cola, wie früher. Das ist doch schon ein Fortschritt, oder?
Sims Alabim; 2010-11-16
Eigentlich wäre diese Meldung ja eines Applauses wert: Die Wehrpflicht soll abgeschafft werden. (Auch wenn man sie naürlich nicht aus dem Grundgesetz streicht, um sie im Notfall auch ganz schnell wieder einführen zu können). Nachfolgenden Generationen junger Männer soll es also erspart bleiben, in der Altersgegend eines möglichen Schulabschlusses von Vater Staat angeschrieben und als potentielles Kanonenfutter deklariert zu werden, sich in einer Kaserne einzufinden und von einem meistens eher gelangweiltem als wirklich gründlichem Arzt sittlich an den Hoden berührt zu werden, Multiple Choice Aufgaben am Rechner zu lösen und anschließend nach den Schulnoten ein weiteres Menschenregistrierungsraster und seine Position darin kennen zu lernen: Die Tauglichkeitsstufen.
Diejenigen, denen der Gedanke an eine bevorstehende Invasion aus Russland (oder von Zombies…) irgendwie doch zu wenig Sorgen macht, um scharf darauf zu sein, den Umgang mit der Waffe zu lernen, müssen das nicht mehr in einem schwülstigen Begründungsschreiben formulieren, diejenigen, die früher zum Bund gegangen sind, weil man da “früher wieder raus ist” müssen keinen Treueeid auf eine Nation schwören, die ihre eigene Staatsmacht auch gerne gegen Bürger einsetzt, die ihre Stadt nicht an Grundstücksspekulanten verlieren wollen, und diejenigen, die wahrhaftig der Meinung sind, der Menschheit mit ihrer Teilnahme am “Krieg gegen den Terror” einen Gefallen zu tun, können sich ja immer noch freiwillig verpflichten.
Alles also schön und gut.
Delikat wird es im Nebensatz: “Auch der Zivildienst wird damit ausgesetzt. Zuletzt waren 90.555 Kriegsdienstverweigerer überwiegend im sozialen Bereich tätig.”
Ich will jetzt das Lamento gar nicht anstimmen, das eigentlich an diese Stelle gehört, will mich gar nicht darüber auslassen, dass der Verzicht auf Zivis die Krankenhäuser, Altersheime, Behindertenwerkstätten, Naturschutzgebiete etc.pp. womöglich schwer treffen wird, dass ich trotz meiner ablehnenden Haltung der Wehrpflicht gegenüber der Meinung bin, dass es einem jungen Menschen in diesem Alter absolut gut tut, wenigstens ein paar Monate lang eine Tätigkeit auszuüben, die weder seiner Karriere noch seiner Neugier auf fremde Länder geschuldet ist, dass ich mich sogar dazu hinreißen lassen würde, für eine Zivildienstpflicht zu plädieren, und zwar auch für Frauen (!), ich will auch nicht sentimental werden und beschreiben, dass meine Zivildienstzeit immer noch zu einem der absolut besten Jahre meines Lebens gehört - ich will nur auf die Tatsache hinweisen, dass der Zivildienst offensichtlich in seiner Wertigkeit als möglicherweise sinn- und wertvolle gesellschaftliche Einrichtung überhaupt nicht anerkannt, sondern noch immer als “Nebenprodukt” einer militärischen Organisation verstanden wird.
Es handelt sich dabei noch immer um einen Wehr-Ersatz-Dienst, und wenn man den Wehrdienst abschafft, scheint man auch den “Ersatz” nicht mehr zu brauchen. Wenn man jungen Männern nicht mehr zumuten will, unfreiwillig das Töten zu lernen, kann man ihnen offenbar auch nicht mehr zumuten, unfreiwillig einem Rollstuhlfahrer beim Waschen oder alten Leuten beim Essen zu helfen.
Ich finde das schon immer wieder erschreckend, wie wir so unsere Prioritäten setzen.
Cabuflé; 2010-10-04
Eine Freundin von mir, die sich ihr Studium der Geisteswissenschaften unter anderem durch den Verkauf sexueller Dienstleistungen finanziert, machte unlängst eine aufschlussreiche Erfahrung, als sie in einem renommierten Sex-Shop Flyer für eine Veranstaltung der Hurenorganisation Hydra e.V. auslegen wollte: Offenbar möchte ein Unternehmen, das gegen Geld Objekte verkauft, die Menschen sich umschnallen, einführen oder sonstwie zum Lustgewinn gebrauchen können, es um jeden Preis vermeiden, öffentlich mit Menschen in Verbindung gebracht zu werden, die beruflich eben jene Objekte gegen Geld umschnallen, ihren Kunden einführen, bzw. sich einführen lassen oder sich sonstwie um den Lustgewinn ihrer Kunden kümmern.
Aus diesem Anlass formulierte sie einen offenen Brief an die Unternehmensleitung des Ladens, den ich hier im Wortlaut wiedergebe, da der beschriebene Sachverhalt symptomatisch für ein Problem unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft steht, das in meinen Augen unbedingte Aufmerksamkeit verdient:
Während die mediale Ausschlachtung von Sexualität in unterschiedlichsten Spielarten als Lifestylethema längst Normalität ist, massenweise Ratgeber- und Unterhaltungsliteratur rund ums “Untenrum” über Ladentheken wandert, während es nicht ungewöhnlich ist, im erwachsenen Freundeskreis offen Themen wie Promiskuität, Masturbation oder erotische Vorlieben zu erörtern, während pensionierte Pornodarsteller auf eine Zweitkarriere als C-Promi im Privatfernsehen hoffen dürfen und “prickelnde Experimente” wie ein Besuch im Swingerclub durchaus auch für Reihenhausbewohner eine halbwegs gesellschaftsfähige Option darstellen, werden Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen nach wie vor mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit ausgegrenzt und diskriminiert - sei es durch die ganz normalen bürgerlichen Ressentiments gegen alles irgendwie Schmuddelige oder mittels notorisch gutgemeinter Besorgnis um die armen ausgebeuteten und/oder fehlgeleiteten (zumeist weiblichen) Individuen. Weiterlesen…
Sims Alabim; 2010-08-18
Im Wespenturm wohnen die machtlosen Götter.
Ich zünde in ihrem alten Tempel neue Kerzen an.
Ich trage den Staub fremder Straßen in ihre Heiligen Hallen.
Als ich ihre Standarten trug
verließen sie mich
in den Eishallen heidnischer Könige.
Doch ist ihr Lächeln ohne Hohn, und meine Rückkehr ohne Reue.
Nicht mehr Vater und Sohn,
noch nicht Diener und Herr,
nur alte Weggefährten, die sich einst an Häfen und Trassen verloren,
so reichen sie mir die Hände.
Es war gut, an ihnen gezweifelt zu haben.
Malibu Aircraft; 2010-08-15

Noch vor nicht allzu langer Zeit war ich erbitterter Gegner des Afghanistan- und des Irakeinsatzes. Als der Irakkrieg stattfand war ich 16 und ging zu jeder Antikriegsdemo, die ich finden konnte.
Eine meiner ersten Erinnerungen, die irgendwas mit Politik zu tun hat, ist folgende: Meine Eltern sitzen am Tisch und beschäftigen sich mit irgendwas. Ich komme an und nerve sie, sie lassen sich gütigerweise mit halbem Ohr auf ein Gespräch ein und irgendwie kommt dieses auf Opas Jugend und auf den Krieg. Ich weiß nicht mehr genau, wie mir zum ersten Mal verklickert wurde, dass in dem Land in dem wir leben einige Jahrzehnte zuvor eine massenmörderische, sich an Grausamkeit selbst überbieten wollende Diktatur herrschte, aber wahrscheinlich (mit der Angst eines Kindes, dass das doch jetzt hoffentlich auch wirklich vorbei ist) wollte ich unbedingt wissen, wie damals alles endete. Und -während meine Eltern keinen Zweifel daran liesen, dass es enden musste- spürte ich doch ein brennendes Gefühl der Ungerechtigkeit, dass auch unschuldige Deutsche bei den Angriffen der Alliierten starben.
Lange Zeit verfolgte mich die Idee, dass es doch auch irgendwie anders hätte gehen müssen. Später erschien mir eine Zeit lang Gandhis Methode als der Beweis dafür. (Lange bevor ich mich wirklich mit besagtem pädophilem Rassisten auseinandersetzte.) Es fühlte sich also folgerichtig an, auch gegen diese Einsätze sein zu können, ohne wirklich irgendwas über die beiden Länder zu wissen.
Ich halte es nach wie vor selbstverständlich für absolut möglich, aus guten Gründen gegen die Einsätze von 2001 und 2003 zu sein. Tendenziell lehne ich selbst mittlerweile in die andere Richtung. (Sollte ich “leider” sagen? Wenn dann, weil es hier vielleicht eine “richtige”, aber mit Sicherheit keine “gute” Position gibt.) Nur aus Prinzip dagegen zu sein, ist für mich mittlerweile schwer nachvollziehbar. Es fühlt sich immer noch etwas seltsam an, den letzten Satz zu schreiben, denn schließlich war die Position, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, irgendwann mal meine eigene.
Manchmal redet man sich ein, dass man zumindest im Ansatz Meinungen, die man heute vertritt schon immer gehabt hat. Ich vergesse mittlerweile gerne, dass ich mal an so etwas wie einen “radikalen Pazifismus” geglaubt habe, bzw. an das, was heute darunter verstanden wird. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich lautstark gegen etwas protestiert habe, von dem ich nicht nur keine Ahnung hatte, sondern von dem ich es auch nicht nötig gehalten habe, Ahnung zu haben. Zumindest ein Gefühl hatte ich “im Ansatz”: Dass die Position (gar “Bewegung”?), die man allzu gerne selbstgefällig mit der Protestbewegung gegen den verbrecherischen Vietnamkrieg vergleicht, die sich gegen die allmächtige USA stellt und die so emotional aufgefüllt ist, dass genau diese Position irgendwie viel zu einfach ist. Ich meine nicht mal inhaltlich. Es waren hierzulande zu viele auf der eigenen Seite, als dass man sich rebellisch hätte fühlen können. Ich weiß noch ziemlich genau, wie eine ältere Mitdemonstrantin mit Anspielung auf die Propaganda der amerikanischen Medien, Mark Twains berühmten Satz zitierte: “Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit sich zu besinnen.” Ich schaute mich um, sah die SPD-, Grünen-, PDS- und PACE-Fahnen und verdrängte das Gefühl einer eigentlich offensichtlichen Ironie, das sich in mir breitmachte.
Doch wie gesagt änderte sich meine Position zu Afghanistan und zu Irak erst vor kurzem. Einen Anstoß -oder besser einen zusätzlichen kräftigen Schubser- gaben Texte von Christopher Hitchens. Aber ich will an dieser Stelle keine geschlossene Argumentation für die Interventionen vorlegen (gerne ein andermal).
Mit meiner antimilitaristischen Einstellung kam schon auch eine gewisse misstrauische Haltung bis Feindschaft allem Soldatischem gegenüber. Wie einfach ist es doch, sich vom Klischeebild des kriegsgeilen, obrigkeitshörigen Soldaten zu überzeugen, selbst wenn man wie ich von früh auf Erwachsene kennenlernen durfte, die diesem Bild vollständig widersprechen. Hitchens beschreibt in seinen kürzlich erschienenen Memoiren ausführlich, wie er davon erfuhr, dass ein junger Soldat namens Mark Daily im Irak getötet wurde, der sich unter anderem durch seine Texte zu einer Einschreibung bewegen lies. Das Kapitel ist eines der berührensten des Buches, aber statt Hitchens zu zitieren, kann ich auch Mark Daily selbst sprechen lassen, denn seine MySpace-Seite gibt es immer noch.
Why I Joined:
[...] Much has been said about America’s intentions in overthrowing Saddam Hussein and seeking to establish a new state based upon political representation and individual rights. Many have framed the paradigm through which they view the conflict around one-word explanations such as “oil” or “terrorism,” favoring the one which best serves their political persuasion. I did the same thing, and anyone who knew me before I joined knows that I am quite aware and at times sympathetic to the arguments against the war in Iraq. If you think the only way a person could bring themselves to volunteer for this war is through sheer desperation or blind obedience then consider me the exception (though there are countless like me).
Ich fordere jeden dazu auf, seine MySpace Seite zu besuchen und den ganzen Eintrag zu lesen. Und dann zu entscheiden, ob es sich hier um einen naiven, dummen, kleinen Bushfan handelte.
Wenn ich heute an meine Antikriegsdemoteilnahmen zurückdenke, schäme ich mich nicht für meine damalige Position. Aber ich wünschte, ich hätte zumindest nicht folgende selbstgerechte Einstellung geteilt: Dass man sich für den Tod und das Leiden Unschuldiger weniger rechtfertigen muss, wenn sie durch das Ausbleiben einer militärischen Interventionen auftreten, als wenn sie durch die Durchführung selbiger entstehen. Und es ist sehr wohl möglich, das zu sagen, ohne in die Rechtfertigungen für die zahllosen Fehler und unverzeilichen Verbrechen, die in Afghanistan, Irak und sogar in Deutschland von den Alliierten begangen wurden, einzustimmen.
Sims Alabim; 2010-06-18
Staubige Asphaltstraßen, nach langer Trockenheit zum ersten Mal wieder von einem sanften Sommerregen benetzt.
Das Chlorwasser eines Schwimmbeckens, dazu Sonnencreme.
Sonnencreme und dazu der Gummigeruch einer neuen, zum ersten Mal aufgepumpten Luftmatratze.
Der Geruch eines Seeufers, zusammengesetzt aus Schilf, Schlamm, Moder (auch hier vielleicht noch eine Spur der unvermeidlichen Sonnencreme) und anderen, geheimnisvollen Ingredienzien des Seewassers, von denen wir vielleicht auch gar nicht genau wissen wollen, woraus sie bestehen.
Gemähtes Gras auf einer Wiese, das sich in den Sonnenstrahlen langsam in trockenes Heu verwandelt.
Das sind Gerüche, denen man in jedem Sommer neu begegnen kann, wie guten, alten Freunden.
Einen anderen Geruch gibt es aber, den man nur noch selten trifft, und den man gerade deshalb hüten sollte wie einen Schatz. Das ist der Geruch der Gleise in der Sommerhitze an einem alten Dorfbahnhof.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass heute keine Holzbohlen mehr verwendet werden. Dieses tiefdunkle, spröde gewordene Holz, meistens unter rostrot gewordenen Schienen, und auf rostbraunem, irgendwie an Kohlestücke erinnernden Schotter. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man sich, je älter man wird, immer seltener für längere Zeit an diesen Bahnhöfen aufhält, wo alle Stunde einmal ein Zug vorbeikommt.
Die rostigen Schienen mit der blank polierten Oberfläche beginnen zu singen, dann rauscht ein Güterzug vorüber, und auf der endlos erscheinenden Schar von immer gleichen Wagen, die er hinter sich herzieht, stehen entweder Neuwagen, oder stapeln sich Baumstämme. Dann wird es wieder still, der Geruch der Schienen steigt mit der flirrenden Hitze wieder hinauf, während man weiterhin auf dem menschenleeren Bahnhof sitzt und sich die Zeit bis zur Regionalbahn vertreibt.
Man ist natürlich nicht allein, man ist immer zu zweit, mindestens. Die nassen Haare sind längst getrocknet, nur das in den Rucksack gestopfte Handtuch ist noch feucht. Vielleicht hat man sich noch etwas von den Süßigkeiten aus dem Schwimmbad aufbewahrt, vom Ahoi-Brausepulver, das man sich in die verschwitze Handfläche schüttet und von dort ableckt, von den weißen Mäusen, den Schlümpfen, die immer in den Zwischenräumen der Zähne kleben bleiben, von den billigen Kaugummis, die in einen Aufkleber von Alf oder Knight Rider eingewickelt sind. Man ist vielleicht zwölf Jahre alt.
Die Tage erstrecken sich endlos, zwischen Morgen und Abend ist immer Platz für mehr als ein Abenteuer. Man denkt keinen Augenblick darüber nach, dass es verlorene Zeit sein könnte, eine Dreiviertelstunde am Bahnhof auf einen Regionalzug zu warten, mit dem man dann eine Station zu fahren hat. Warum sollte man über Zeit nachdenken? Es ist Sommer.
Der Weg zum Kaugummiautomaten drei Häuser weiter ist schon eine Unternehmung, Zehnpfennigstücke eine gebräuchliche Währung, ein zerknitterter Zwanzigmarkschein im Geldbeutel ein Schatz.
In das kleine, hügelige Wäldchen hinter dem Haus meiner Großeltern passt sieben Mal der Sherwoodforest, der Fangornwald, der Planet Eternia und der Truppenübungsplatz einer Armee ohne Fahnen, Feinde oder Ideologien, der es genügte, Armee zu sein und den Flugzeugen befreundeter Armeen auf den mit Gartenschäufelchen in Erdhügel gegrabenen Flugfeldern Landeerlaubnis zu erteilen.
Schon alt genug, um ganze Tagesabläufe vollkommen ohne die Zuwendung erwachsener Bezugspersonen bestreiten zu können. Noch jung genug, um für nichts Verantwortung zu spüren.
Man weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, man wird es erst viele Jahre später beim Geruch der schweren, alten, rußigen Holzbohlen in der Sommerhitze begreifen, aber in diesen wenigen Sommern, in denen man zwölf Jahre alt ist, gehört einem, zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben, die Welt.
Malibu Aircraft; 2010-06-05
Eine dunkle Wolke hebt sich über das Land. Ein Land der Freiheit ist es, mit grünen Hügeln und prächtigen Bäumen an die sich saftige, farbenfrohe Früchten klammern, fett und schwer und kurz davor zu fallen. Doch über die Idylle zieht nun besagte Wolke in deren Innern ein Sturm tobt, ein Sturm, welcher sich ausgedacht wurde von einem Mann.
Dieser Mann saß nur wenige Stunden zuvor in seinem Labor, das hoch in einem steinernen Turm lag. Er dachte über sein Leben nach, die Entscheidungen, die er bisher getroffen oder die für ihn getroffen worden waren, von anderen Menschen oder von den Umständen oder von Kräften, die außerhalb seiner Wahrnehmung lagen. Und als er über sein Leben nachdachte, überkam ihn eine große Wut. Er tauchte ein in alternative Realitäten, parallele, wenn auch nur vorgestellte, Universen, in welchen er ein großer Feldherr, ein Entdecker oder ein begnadeter Liebhaber war. Dann sah er sich im Spiegel und seine Augen nahmen einen erschreckenden Glanz an.
Ich fürchtete mich sehr vor ihm, in diesem Moment. Mein Name ist Gerlinde Maserati Uterus und ich bin des Forschers Kanarienvogel. Wie konnte ich wissen, an was er alles dachte? Nun, der Herr spricht sehr gerne, was er denkt, was die Situation nicht gerade weniger beängstigend macht. In dem ehrlichen Versuch den Herrn zu beruhigen zeigte ich mein gelb-weißes Federnkleid von allen Seiten und sang. Ja, meine Stimme ist wirklich mein Stolz. Die Menschen haben uns Kanarienvögel zu wahren Gesangsdiven gezüchtet, während sie bei ihren anderen Domestizierungsprojekten nur auf das Äußere schauten. Doch die Generationen daraufhin ausgerichteter Zucht nützten diesmal nichts. Es schien sogar, als zöge ich in genau dem falschen Augenblick seine Aufmerksamkeit auf mich.
Mit wütendem Blick und einem Selbstgespräch, dass ich mittlerweile nicht mehr verstand, da es sich in ein bösartiges Grummeln und Zischen verwandelt hatte, kam er auf meinen Käfig zu. Er öffnete die Tür und griff in meine kleine Welt, umschlang mich mit seinen dürren Fingern und trug mich herüber zu seiner neuesten Kreation, einer Maschine in runder Blechform mit zahlreichen bunten Lichtern. Ja, der Herr hatte schon immer eine Vorliebe für Klischees gehabt, wenn es um Design ging.
Er öffnete eine kleine Metalltür und warf mich in das dunkle Loch. Ich wusste nicht wo ich war. Es war sehr eng hier, ich flatterte wild herum, aber stieß mich ständig und gab das Geflatter schließlich auf. In den letzten Monaten hatte der Herr immer wieder an dieser Maschine gearbeitet, aber ich wusste nicht, worum es sich bei ihr handelte. Normalerweise bekam ich immer mit, woran er arbeitete, wegen seinen exzessiven Selbstgesprächen, doch immer wenn er an ihr herumhantiert hatte, konnte ich nur ein leises Kichern vernehmen und immer wieder waren mir auch die kurzen Blicke aufgefallen, die er mir zugeworfen hatte, gefolgt von einem noch deutlicherem Kichern und einem schelmischen Händereiben. Ich hatte diese Blicke bisher als Einbildung abgetan, was hätte ich auch tun können in meinem Käfig, außer wahnsinnig zu werden, hätte ich geahnt, was auf mich zukommen würde.
Als ich nun in der engen Kammer saß, hörte ich verschiedene Stimmen, die sofort in vielen blechernen Echos wiederhallten und das auf so eine Weise, dass es mir unmöglich war, festzustellen wo sie ursprünglich herkamen. Sie redeten allesamt wirres Zeug, erzählten vom Wetter, dann weinten sie, dann lachten sie wie Bekloppte, dann flüsterten sie verführerisch, dann hielten sie ernste Vorträge über philosophische Themen und so weiter. Es schienen mir aber alles Monologe zu sein, ich konnte jedenfalls nicht erkennen, dass sie sich im gegenseitigen Kontakt befanden.
Was konnte ich tun? Natürlich nur das einzige was ich überhaupt tun konnte, nämlich zu singen wie eine Blöde. Ich gab mein Bestes, legte eine Hitnummer nach der anderen hin, wechselte von stürmischer Stimmakrobatik zu sanfter Ballade und verlor mich ganz in meiner eigenen Grandiosität. Und dann, nach einer Weile, als mir die Melodien müheloser, aber genauso virtuos, aus dem Schnabel glitten, bemerkte ich, dass die Stimmen fast ganz aufgehört hatten. Nur ab und zu vernahm ich ein beeindrucktes Flüstern oder eine leises Mitsummen. Ich sang noch ein bisschen weiter und hörte dann auf, um mich ein bisschen zu schonen, schließlich wusste ich nicht, wie lange ich hier noch bleiben müsste.
Doch kaum hatte ich geendet, begannen einige Stimmen mich zu loben und beeindruckt Worte zu verlieren. Ja, ich hörte sogar frohes Schniefen und tränengetränkte Laute. Doch etwas anderes erstaunte mich. Die Stimmen schienen nun in Kontakt zu treten und aufeinander zu reagieren. Hatten sie sich bis eben nur auf sich selbst konzentriert und waren völlig in sich selbst versunken, dann hatte die Fokusverschiebung nun womöglich dazu gedient sie auch aufeinander aufmerksam zu machen. Ich hörte frohe Grüße, Austausche über alle möglichen, oberflächlichen wie tiefgründigen, Themen.
Dieses Geplapper schien mir zuerst um einiges angenehmer, als die ungerichteten, selbstverliebten Monologe von eben. Doch nun kamen mehr und mehr neue Stimmen dazu, die sich in die Gespräche einbringen wollten und die offensichtlich von dem aufregenden Trubel angezogen worden waren.
Ich erkannte auf einmal eine ältere, weibliche Stimme. Es war die Stimme der Mutter des Herrn, die ihn, in all meiner Zeit im Turm, nur einmal besucht hatte. Ich hörte noch eine weitere bekannte Stimme, es war die eines Mädchens, das fast jeden Dienstag am Turm vorbeiging und sang, jedes Mal verträumt beobachtet vom Herrn. Und da war der Geldgeber, der Schreihals, von dem mein Herr abhängig war und der in regelmäßigen Abständen vorbeikam, um die Arbeit zu kontrollieren.
Doch bald schwoll dieses Gerede so an, dass es kaum noch möglich war, einzelne Personen herauszuhören und es wurde, der Masse wegen, auch immer unerträglicher. Ich setzte wieder zum Singen an, doch mein graziöser Gesang ging völlig unter, denn das ganze hatte mittlerweile eine Lautstärke erreicht, die ich unmöglich noch übertönen konnte.
Plötzlich platzte laut dröhnend die Stimme meines Herrn von oben herab und wieder verstummte alles andere:
„Hab ich euch endlich alle beisammen! Adieu und auf nimmerwiedersehen!“
Kaum waren diese Worte gesprochen, brachte die schiere Panik aus. Doch es war zu spät. Ich verspürte einen kräftigen Zug und ich fühlte, wie ich mit all den anderen hinauskatapultiert wurde. Alles wirbelte durcheinander und es dauerte Stunden, bis ich meine Orientierung einigermaßen wiedergewann.
Ich war und bin seitdem in einer Wolke aus Stimmen gefangen, selbst auch nicht mehr als eine der anderen. Ich muss gestehen, ich fühle mich immer leerer. Das schöne Land über das wir fliegen, scheint zu ergrauen, sobald wir näherkommen.
Mein Gesang ist nur noch ein Krächzen. Trotzdem kann ich damit sogar noch ab und zu ein paar der anderen um mich scharren.
Gestern näherten wir uns, gezogen von einem seltsamen Hunger und einer unstillbaren Lust einem jungen Mann, der fröhlich auf dem Weg spazierte. Doch auf einmal schien er etwas zu spüren und beeilte sich, davon zu kommen. Es war so knapp. Fast hätten wir ihn gehabt. Doch unser zunehmender Hunger macht uns schneller. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis unser Durst gestillt wird. Nur eine Frage der Zeit, bis wir uns an jemandem laben können.
Und dann. Dann werde ich auch wieder stark genug sein, um singen zu können.
Und diese Person wird mich hören.
Bald.
Cabuflé; 2010-05-06
Autobiographisches Dramolett für zwei Ernst-Busch-Absolventen und diverse Statisten
A: (mit Blick zum U-Bahn-Fernsehen) Was? Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut?
B: Ja, hast du das nicht mitgekriegt?
A: Nein…
B: Das ist doch seit ein paar Tagen der youtube-Knüller.
A: Ach youtube? Dann sieht man ihre Titten ja gar nicht.
B: Doch, schon.
A: Was? Auf youtube? Da sind doch keine Titten erlaubt.
B: Wie bitte?
A: Also, wenn jemand es meldet, dann wird es gelöscht.
B: Na ja, ganz kurz halt. So halb. (Pause) Aber ohnehin ist das ja so’n Fall, wo man sich fragt, warum einen das jetzt interessieren soll - Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut.
A: Ja, schon, aber ich muss mir das natürlich jetzt trotzdem gleich wenn ich nach hause komm anschauen.
B: Natürlich, ich hab’s mir ja auch angeschaut.
Ansage: Nächste Haltestelle: Kottbusser Tor; Übergang zur U8.
A: Als ich letzte Woche deinen kleinen Bruder besucht habe, hat sich übrigens herausgestellt, dass Benjamin Blümchen in dem geheimen Harem im Führerbunker mit seiner Sacknaht an der Scheide von Lena Meyer-Landrut hängengeblieben ist.
B: Haha. (Pause) War die dann innen oder außen?
A: Was? Na, äh, außen. Sacknaht halt.
Einige Mitreisende schauen peinlich berührt.
B: Du sagst das sehr gerne, oder?
A: Was? Sacknaht?
B: Ja.
A: Ja, selbstverständlich. (Pause) Sacknaht.
Vorhang, Applaus.
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