Poplinke


Cabuflé; 2010-07-19

[via]

Sie wünschten, sie wären radikal


Malibu Aircraft; 2010-06-29

Einige Bundeswehr-Soldaten im Auslandseinsatz oder deren Angehörige werden in der Heimat offensichtlich schikaniert. Das berichtet die in Halle erscheinende „Mitteldeutsche Zeitung“ (Dienstag) unter Berufung auf Bundeswehr-Kreise und das Verteidigungsministerium.
Demnach komme es vor, dass entweder in die Wohnungen der Soldaten eingebrochen werde, während sie nicht da sind, oder aber Familienmitglieder anonyme Anrufe erhielten, wonach ihre Angehörigen in Afghanistan gefallen seien, obwohl dies gar nicht stimme.
[...]
Die Bundeswehr sei deshalb dazu übergangen, die Anonymität der Soldaten im Auslandseinsatz grundsätzlich zu wahren. So würden öffentlich nur ihre Vornamen genannt und die Gesichter auf Fotos gepixelt.
[...]
Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, sagte der Zeitung, neben gewöhnlichen Kriminellen, die sich für einen Einbruch auf offensichtlich leerstehende Wohnungen konzentrierten, seien „Wirrköpfe“ und „angebliche Antimilitaristen“ am Werke, „die zynisch mit den Gefühlen von Angehörigen spielen“ und eine „gezielte Strategie der Verunsicherung“ betrieben. Unter anderem lade diese Szene zu Besäufnissen ein, wenn Soldaten gefallen seien – und zwar unter dem Motto: „Feste feiern, wie sie fallen.”

Quelle: Fokus.de

Auf dem Blog BamM, der mit zu dem “Fest” aufrief, wird stolz ein Interview mit der jungen Welt wiedergegeben, in dem unter anderem die Verbreitung eines entsprechenden Flyers mit geschwellter Brust verteidigt wird.

Ein Zitat daraus ist besonders bezeichnend:

Wenn Politiker fast aller Parteien ständig betonen, daß die Soldaten den Rückhalt der Gesellschaft benötigen, um motiviert und erfolgreich ins Gefecht zu ziehen, sagen wir: Nein, den verdienen sie nicht, sie verdienen nicht Ruhm und Ehre, sondern Verachtung.

Ich würde behaupten, dass “unsere” Soldaten ganz offensichtlich auch ohne diesen Rückhalt in den Krieg gehen. Niemand hat die Verpflichtung, sie dafür zu bewundern. Aber wenn Leute, die nicht mal ein Funken des selben Mutes aufbringen könnten, selbst wenn sie wollten, ernsthaft glauben, an ihrer Position ist irgendwas ehrenhaft oder mutig oder radikal, dann sind sie vielleicht mehr als nur der Verachtung würdig.

Auf der anderen Seite sind sie die Energie, die Hass benötigt, nicht wirklich wert.

“Frauengold” oder der lustige Sexismus von früher…


Cabuflé; 2010-06-06

…heute ist man ja gottlob “darüber hinweg”:


[via]

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Hat nichts mit South Park zu tun


Cabuflé; 2010-05-25

Cabuflé wünscht einen fröhlichen Handtuchtag allerseits.

Dialog in der U1


Cabuflé; 2010-05-06

Autobiographisches Dramolett für zwei Ernst-Busch-Absolventen und diverse Statisten

A: (mit Blick zum U-Bahn-Fernsehen) Was? Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut?

B: Ja, hast du das nicht mitgekriegt?

A: Nein…

B: Das ist doch seit ein paar Tagen der youtube-Knüller.

A: Ach youtube? Dann sieht man ihre Titten ja gar nicht.

B: Doch, schon.

A: Was? Auf youtube? Da sind doch keine Titten erlaubt.

B: Wie bitte?

A: Also, wenn jemand es meldet, dann wird es gelöscht.

B: Na ja, ganz kurz halt. So halb. (Pause) Aber ohnehin ist das ja so’n Fall, wo man sich fragt, warum einen das jetzt interessieren soll - Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut.

A: Ja, schon, aber ich muss mir das natürlich jetzt trotzdem gleich wenn ich nach hause komm anschauen.

B: Natürlich, ich hab’s mir ja auch angeschaut.

Ansage: Nächste Haltestelle: Kottbusser Tor; Übergang zur U8.

A: Als ich letzte Woche deinen kleinen Bruder besucht habe, hat sich übrigens herausgestellt, dass Benjamin Blümchen in dem geheimen Harem im Führerbunker mit seiner Sacknaht an der Scheide von Lena Meyer-Landrut hängengeblieben ist.

B: Haha. (Pause) War die dann innen oder außen?

A: Was? Na, äh, außen. Sacknaht halt.

Einige Mitreisende schauen peinlich berührt.

B: Du sagst das sehr gerne, oder?

A: Was? Sacknaht?

B: Ja.

A: Ja, selbstverständlich. (Pause) Sacknaht.

Vorhang, Applaus.

Die Wärme der Maschinen


Sims Alabim; 2010-04-19

Nachdem Künstliche Intelligenz und Robotik irgendwie mit zum Themenkomplex dieses Blogs gehören, kann ich genausogut eine kleine Beobachtung meinerseits zu diesem Thema hier reinstellen, nachdem ich schon sonst den ganzen Tag in der Sonne verbummelt habe.

Bei Pressemeldungen zum Thema “Roboter” - einmal ging es dabei um ihre Fähigkeit, menschliche Gesichtsausdrücke nachzuahmen, ein andermal um ein Forschungsprojekt, das sich mit der Frage beschäftigt, ob und wie Roboter für ihre Handlungen haftbar gemacht werden können - ist mir aufgefallen, dass als mögliches Tätigkeitsfeld für (humanoide) Roboter immer wieder die Kranken- und vor allem Altenpflege genannt wurde.

Nennt mich einen fortschrittsfeindlichen Spießer, aber das ist ja schon wieder so ein Ansatz, der mir eine Gänsehaut macht und sehr viel darüber aussagt, welchen Wert wir uns Menschen eigentlich noch selbst zumessen. Es gibt doch nun in modernen Zivilisationen genug Tätigkeitsbereiche, bei denen ich sagen würde: Wenn es eine Maschine machen kann, dann soll es doch ruhig eine Maschine machen. So Sachen die mit Müll zu tun haben, mit giftigen Industriedämpfen oder mit der Entschärfung von Sprengkörpern kämen mir da einfallsloserweise in den Sinn.

Aber nein, wenn es irgendwo einen Bereich gibt, wo wir Roboter brauchen, weil wir diese Arbeit offenbar einem Menschen nicht mehr zumuten können, dann ist das wohl beim Windeln und Füttern alter Menschen, beim Wechseln von Katheterbeuteln und natürlich bei der unzumutbarsten Tätigkeit von allen: einem dementen, behinderten, unzurechnungsfähigen, sabbernden alten Wrack einfach nur Zeit zu opfern. Sind denn Zivis wirklich schon so rar geworden?

Sarkasmus beiseite: In der letzten Zeit werden immer mehr Forschungsergebnisse veröffentlicht, die deutlich machen, dass wir Menschen in erster Linie soziale Geschöpfe sind, dass der Status unserer zwischenmenschlichen Beziehungen ein erheblicher, wenn nicht gar der ausschlaggebenste Faktor für unsere physische Gesundheit ist. Immer öfter wird darauf hingewiesen, dass ein Arzt mit Aufmerksamkeit und Zuwendung größere Erfolge erzielen kann als mit Medikation. Und dann haben wir keine bessere Idee, als ausgerechnet die Alten- und Krankenpflege an Maschinen abzugeben? Ausgerechnet den Bereich, wo vermutlich allein das Vorhandensein eines anderen Menschen den entscheidenden Unterschied macht?

Ich zweifle nicht daran, dass Maschinen so einen Job sogar sehr zuverlässig machen könnten. Ich zweifle daran, ob Zuverlässigkeit das einzige Kriterium ist, worauf es hier ankommt. Ich zweifle daran, dass jemand, nur weil er dement ist, es verdient hat, von dem Zugang zu menschlicher Wärme ausgeschlossen zu werden. Vor allem zweifle ich daran, dass es dem gesunden, jungen Teil der Gesellschaft gut tut, sich derartig abzuschotten und um die wertvolle Erfahrung zu bringen, was es heißen kann, für jemanden da zu sein.

Die Vorstellung, eines Tages seine eigenen Kinder nicht mehr zu erkennen, den eigenen Stuhlgang nicht mehr kontrollieren zu können, den ganzen Tag im Bett liegen zu müssen und den eigenen Namen nicht mehr zu wissen, ist schrecklich genug. Aber wenn ich mir dann noch vorstelle, dass die Arme, die mich im Bett umdrehen, von einer Hydraulik betrieben werden, die Verantworlichkeit dafür, den Zustand meiner Windeln zu überprüfen, bei Sensoren liegt, und das freundliche Gesicht, dass mich den ganzen Tag anlächelt nicht meiner Tochter gehört, sondern nur eine gut gemachte Plastikimitation ihres Antlitzes ist, die bringt mich wirklich so weit, zu hoffen, dass die Suizidpille noch vor dem Altenpflegeroboter in Serie geht.

Regen


Malibu Aircraft; 2010-04-04

Die Nacht hat ihre Pforten geöffnet. Auf den Straßen glänzt der Regen und die reflektierte Leuchtreklame in den Pfützen sagt dir mehr über deine Zeit und über dich, als du eigentlich wissen willst. Du gehst in einen Club, du trinkst, du tanzt, du lernst jemanden kennen. Ihr geht nach draußen, es ist Vollmond.
Doch jetzt ändert sich die Wirklichkeit mit einem Mal, etwas verändert dich. Du siehst ein Bild, deine neue Bekanntschaft wird haariger, verwandelt sich unter schmerzvollen Zuckungen in ein Biest, ein mörderisches Wesen, einen Werwolf.
Du zwinkerst. Alles ist wieder normal. Die Wirklichkeit ist so wie sie ist und nicht anders.
Ihr geht die Straßen entlang. Der Wind bläst, es tut so gut ihn im Gesicht zu spüren, einen Rest der Wildheit der Natur, die aus dieser Stadt verbannt wurde zugunsten einer anderen Wildheit, einer Wildheit, die niemand versteht.
Du hältst die Hand deiner Bekanntschaft.
„Wäre es nicht schön“, sagst du. „oder erstaunlich oder vielleicht auch erschreckend, jedenfalls aufregend, wenn sich alles ändern würde, die Welt, unsere Leben, von einem Tag auf den anderen.“
Und ihr spielt Szenarien durch, was würde geschehen wenn. Und du erinnerst dich an einen Moment, als du noch ein Kind warst und nach oben in den Nachthimmel geblickt hast und die Sterne gesehen hast und du warst dort. Du warst an diesen anderen Orten, in den fernen Sonnensystemen dieser Sterne, du warst dort, du hast die außerirdischen Wesen gesehen, andere Welten, farbenreich und so spannend, so wunderbar fremd und neu.
Und jetzt schaust du nach oben und ja, es ist schön und ja, es ist einzigartig, die Sterne, der Himmel, der selbe Mond, den die großen Frauen und Männer der Geschichte auch bewundert haben, das ist schon was, das ist schon erstaunlich. Aber du bist eben hier auf der Erde und das wird sich auch nicht ändern.
Aber wenn sich alles ändern würde, von einem Tag auf den anderen, dann wäre alles anders.
Deine Begleitung raucht, ist gut angetrunken, aber vielleicht bist du das ja auch, du bist dir nicht ganz sicher, sie schaut dich an, mit großen Augen, einem freundlichen Grinsen und du lächelst.
Ein Licht umhüllt euch und ihr werdet emporgehoben. Eine tiefe Stimme sagt:
„Ihr wurdet auserwählt. Das Schicksal der Menschheit liegt in euren Händen. Ich werde euch in eine andere Welt schicken, wo ihr zusammen gegen dunkle Mächte kämpfen werdet. Ihr könnt sie klar erkennen, sie tragen Hörner und lachen auf diabolische Weise. Ich werde euch mit erstaunlichen Kräften ausstatten, ihr werdet fliegen können und stark sein und…“
Irgendwo zerbricht eine Flasche, Menschen lachen, das Licht erlischt, die Stimme grummelt noch „Och, hmm, vielleicht auch nicht…“ und löst sich dann auf.
„Hallo.“ sagst du zu der Person, die vor dir steht.
„Hallo.“ sagt sie zurück und die Augen dieser anderen Person lächeln.
Die Person küsst dich und du kannst dir nicht helfen, du weißt nicht warum, aber eine Träne löst sich aus deinem Auge. Die Person küsst die Träne weg.
Ein seltsamer Moment, bevor du sie zu dir einlädst, sie wirkt verlegen, lächelt, lehnt dankend ab, aber gibt dir ihre Nummer, bevor sie in die Dunkelheit verschwindet.
Du verfluchst dich mal wieder und natürlich die Welt, denn die Welt eignet sich nun mal so hervorragend zum Verfluchen, verfluchst diese Träne, verfluchst den Regen, der jetzt wieder einsetzt. Ein bisschen früher und das Weinen des Himmels hätte dein eigenes ertränken können, aber nein; und ein bisschen verfluchst du auch die andere Person, die für einen Moment so getan hatte, als wäre sie keine fremde Person, obwohl sie es natürlich war.
Du bist müde, willst ins Bett, willst schlafen, dich den Träumen ergeben, die bereits knapp am Rande deines Sichtfelds in die Wirklichkeit dringen.
Aber etwas hält dich hier an diesem Ort. An diesem Leben. An dieser Welt. Was wäre, wenn?
Diese Frage. Wenn es die nicht gäbe.
Was wäre dann?

Zitat zum Freitag


Malibu Aircraft; 2010-04-03

Etty Hillesum schrieb ein paar Tage vor ihrer Deportation nach Auschwitz in ihr Tagebuch:

People sometimes say to me, “Oh, yes, you look on the bright side of everything.” What a platitude! Everything is perfectly good, and at the same time perfectly bad … I have never felt that I had to force myself to see the bright side of things: everything is always perfectly good, just as it is. Every situation, no matter how deplorable, is an absolute and contains good and evil within itself. By this I simply mean that I find the expression “seeing the bright side of everything” just as repugnant as “taking advantage of everything”.

zitiert nach “The Book of Atheist Spirituality” von André Comte-Sponville, S. 184

Categories : Gesellschaft   Lebensart

Papst und Perversion


Malibu Aircraft; 2010-03-12

In manchen Fällen sagen die Fakten schon so viel, dass sich jeder Kommentar erübrigt. Dann wiederum klebt einem die Zunge am Gaumen fest vor Fassungslosigkeit, angesichts der Selbstverständlichkeit mit der manche katholische Geistliche anzunehmen scheinen, dass ihnen die Vergebung, um die sie bitten, gewährt wird. Man entkommt dem Eindruck nicht, dass schon das Eingestehen eines Vergehens, vielleicht gemischt mit ein wenig allein verbrachter Händefaltzeit, Vergebung bedeutet. Nicht dass Vergebung prinzipiell etwas schlechtes ist. Aber es liegt nicht in der Hand des Sündigers, zu entscheiden, wann diese gewährt wird, auch nicht, wenn er glaubt, dass ein übernatürliches Wesen auf seiner Seite ist.
Was einem wirklich den Atem verschlägt, ist die Heuchelei des Oberchefs, dieses furchtbaren Mannes, dessen Grinsen jedem Kind Schrecken einjagen sollte. Man stelle sich vor, wie viel Respekt sich die katholische Gemeinschaft verdienen könnte, wenn sie sich gegen diesen durch die Welt lügenden und heuchelnden Menschen erheben würde.
Zumindest kann man beginnen zu begreifen, was genau Benedikt an den Missbrauchsfällen „tief erschüttert“, wenn man sich folgendes – aus seiner Zeit als Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“, die unter anderem für Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche zuständig ist – in Erinnerung ruft:

„Ratzinger’s role in protecting the church against scandal became apparent […]. In May 2001, he sent a confidential letter to every bishop in the Catholic church reminding them of the strict penalties facing those who referred allegations of sexual abuse against priests to outside authorities.
The letter referred to a confidential Vatican document drawn up in 1962 instructing bishops on how to deal with allegations of sexual abuse between a priest and a child arising out of a confessional.
It urged them to investigate such allegations ‘in the most secretive way… restrained by a perpetual silence… and everyone… is to observe the strictest secret which is commonly regarded as a secret of the Holy Office… under the penalty of excommunication’.“

Quelle: Guardian.co.uk

Seine Einstellungen zu Gerechtigkeit und Aufarbeitung wurden auch deutlich, als er angesichts des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Marcial Maciel Degollado sagte, ebenfalls als Präfekt besagter Kongregation: „One can’t put on trial such a close friend of the Pope as Marcial Maciel”. Aber eigentlich war es ja schon „unerhört“ von Journalisten, ihn überhaupt auf so was anzusprechen.
Im Anblick des Berges an Furchtbarkeiten, den dieser Papst mit sich herumträgt, ist es da so abwegig, auf seine Stürzung durch die vielen moralischen Katholiken zu hoffen? Nur so als Frage…

Nachtrag: Ach ne, sorry, Kommando zurück, daran liegts: Chief exorcist Father Gabriele Amorth says Devil is in the Vatican. Gut, dass das endlich geklärt ist. Meine Fresse…

Die große, böse Nazikeule


Sims Alabim; 2010-03-06

Verdientermaßen ist Guido Westerwelle gerade der Prügelknabe des politischen Kabaretts. Seine Harz IV- Tiraden reichen sogar dafür aus, dass eher moderate Gestalten der politischen Comedy sich zu neuen, menschelnden Höhen aufschwingen. Jetzt aber scheint der Wind sich gedreht zu haben: Beim Politikerderblecken am Nockherberg ist eine “Bruder Barnabas” genannte Kunstfigur in Deutschlands beliebtestes Fettnäpfchen getreten.

Bußprediger Lerchenberg hatte gehöhnt, Westerwelle versammle Hartz-IV-Empfänger “in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Zaun”. Über dem Eingangstor werde “in großen eisernen Lettern” stehen: “Leistung muss sich wieder lohnen.” Über dem Tor zum KZ Auschwitz hatte in eisernen Lettern gestanden: “Arbeit macht frei”.

So weit, so gut. Westerwelle ist über diesen Vergleich natürlich empört; der fällt für mich unter die Kategorie von Leuten, die laut in den Wald hineinröhren und dann das Echo nicht vertragen können.  Dennoch ist seine Wut verständlich. Aus gutem Grund möchte niemand mit Nazis verglichen werden. Was mich aber an der ganzen Sache wieder aufregt, ist, wer sich noch alles über diesen Scherz aufregen muss:

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, bezeichnete einen entsprechenden Vergleich in der Rede des Schauspielers Michael Lerchenberg am Donnerstag als “nicht hinnehmbar” und “Schande”.

Knobloch sagte, einen derartigen Ausrutscher unter der Gürtellinie habe sie bislang noch nicht erlebt. “Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande für die ansonsten gelungene Veranstaltung.”

Ich weiß gar nicht, wie man derartig dumme Äußerungen noch kommentieren soll, ohne wie der verzweifelte Oliver Kalkofe zu wirken, dem es in seiner Mattscheibe auch nur selten gelingt, die schiere Blödheit der von ihm gewählten Fernsehsendungen noch durch übertriebene Imitationen zu überbieten.  Warum zum Teufel ist es eine Verharmlosung der NS-Verbrechen, wenn man eine Anspielung darauf benutzt, um einem Politiker in einem vollkommen anderen Zusammenhang Menschenverachtung vorzuwerfen? Benutzen Leute wie Frau Knobloch ihr Gehirn eigentlich auch zum Denken, oder haben sie es auf einen reinen “Nazi-Detektor” reduziert, der laut und schrill Alarm schlägt, wenn irgendwo in irgendeinem anderen Zusammenhang als Gedenkfeiern oder großem, deutschen Hakenkreuz-Kinodrama, bestimme Schlüsselworte fallen, ganz egal wie unangebracht und am Thema vorbei ihr Protest im Augenblick ist? Wie ernst nimmt der Zentralrat der Juden die vielbeschworenen Leiden der Opfer eigentlich wirklich, wenn er sie gnadenlos zu nichts anderem benutzt, als sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu profilieren und die eigene Wichtigikeit zu unterstreichen?

Anderswo dasselbe: Ist an Fernsehredakteuren, die noch immer kategorisch behaupten, man dürfe über die düstere Vergangenheit Deutschlands keine Scherze machen, die gesamte Kulturelle Entwicklung der letzten 50 Jahre vorbeigegangen? Warum weigert man sich teilweise auch dort, anzuerkennen, was der Rest der Welt längst begriffen hat: Ausgemergelte Juden in gestreiften Anzügen, düstere SS-Männer in schwarzen Ledermänteln, die bei Nacht und Nebel an Verladebahnhöfen in schwarze Limousinen steigen, langgezogene Hakenkreuzbanner an alten Fassaden, Wehrmachtssoldaten mit knatternden Maschinengewehren, all das sind längst popkulturelle Ikonen. Ich rede hier nicht von den  grandiosen humoristischen Bearbeitungen des Dritten Reiches, die Chaplin, Lubitsch, Brooks, in jüngerer Zeit aber auch Begnini oder Moers abgeliefert haben, ich rede von so etwas wie den “Sturmtruppen”-Comics aus Italien.  Ich rede von den Schurken in Indiana-Jones Filmen, die immer für einen Lacher gut sind (”Nazis! I hate these guys!”), von der Eröffnungsszene in X-Men, von den Flashbacks in Shutter Island: Haben Spielberg, Singer und Scorsese nicht auch Verharmlosung des Holocaust betrieben, wenn sie seine Ikonographie ausnutzen, um Action- und Superheldenfilme zu drehen, die mit dem Thema an sich nichts zu tun haben? Betreibt die Werbeindustrie nicht eine Verharmlosung des Holocaust, wenn sie für Parfumwerbungen die Körperkult-Ästhetik von Leni Riefenstahl weiterbetreibt und damit einen Teil des kulturellen Erbes der Nazis ungebrochen aufrecht erhält?

Auch hier im Blog ist ja schon über die Angebrachtheit von Nazi-Vergleichen gestritten worden. Auch ich persönlich finde sie oft unelegant; die Lektüre vom Gotteswahn mit der Lektüre von Mein Kampf zu vergleichen, verharmlost aber nicht den Holocaust, sondern ist nur dazu geeignet, den Opponenten zu brüskieren. Und auch bei meinen geschätzten Freunden und Kollegen Mitautoren wirkt dieser Mechanismus ziemlich verlässlich: Zieht der Gegner die Nazi-Metapher aus dem Hut, weicht man sogleich auf Gegenattacken in expliziter Fäkalsprache aus oder droht mit der Verweigerung weiterer Gesprächsbereitschaft.

Offenbar ist der Nazi-Vergleich eine Rethorik-Keule, die ganz schön hart treffen kann, deshalb sollte ihr Einsatz gut überlegt sein - aber muss man jemandem, der sie verwendet, sofort vorwerfen, er würde das Leid der Holocaust-Opfer deswegen auf nichts anderes als eine solche Rethorik-Keule reduzieren? Gilt dieser Vorwurf dann auch für Josef Hader, der sich in seinem legendären Programm Privat darüber auskotzt, dass man in Europa vor lauter gebetsmühlenartigem Wiederholen der Phrase “Auschwitz darf nie wieder passieren” vollkommen übersieht, dass Völkermord in vielen Ländern der Erde an der Tagesordnung ist - und dass wir daran nicht unschuldig sind? Aber gegenwärtiger Genozid erhitzt die Gemüter scheinbar nicht so sehr, wie die Verharmlosung des vergangenen.

Wie aber sollen wir aus einer Vergangenheit wie dieser eine Lehre ziehen, wenn wir nicht auch zulassen, sie ins kollektive Bewußtsein und damit auch in die Popkultur oder unser Metaphernarsenal aufzunehmen? Wenn wir uns nicht auch erlauben, Vergleiche mit dieser Vergangenheit heranzuziehen, um früh genug neuen Anfängen entgegenzutreten? Eine mahnende Erinnerung an den Nationalsozialismus finde ich manchmal durchaus angebracht,  z.B.  angesichts der Tatsache, dass eine führende Partei mit Sprüchen wie “Leistung muss sich wieder lohnen” den Sozialstaat untergräbt, oder angesichts eines populäreren Wissenschaftlers, der anregt, darüber nachzudenken, warum man zwar Pferderassen auf bestimmte Merkmale hin züchte, aber davor zurückschrecke, dasselbe auch bei Menschen zu tun, um die Leistungsfähigkeit im Profisport zu steigern. Aber wer den Holocaust als Vergleich heranzieht, anstatt nur zum Selbstzweck darüber entsetzt zu sein, der macht offenbar nicht Gefahren in der Gegenwart deutlich, sondern er verhöhnt die armen Opfer…

Danke Hitler, dass du uns auch weiterhin das Leben schwer machst. Das Verbrechen an deiner Generation war Völkermord, verbrannte Erde, Elend, Massenhypnose und die Zerstörung einer Kulturnation; das an den folgenden Generationen jedoch ein kollektiver Dachschaden. Einerseits nervt man uns mit einen Zwang zur Verarbeitung, will es auf der anderen Seite aber nicht zulassen, wenn diese über ehrfürchtige Betroffenheitsgesten hinausgeht.  Aber indem ich mich darüber beschwere, verharmlose ich vermutlich schon wieder den Holocaust.