Die große, böse Nazikeule


Sims Alabim; 2010-03-06

Verdientermaßen ist Guido Westerwelle gerade der Prügelknabe des politischen Kabaretts. Seine Harz IV- Tiraden reichen sogar dafür aus, dass eher moderate Gestalten der politischen Comedy sich zu neuen, menschelnden Höhen aufschwingen. Jetzt aber scheint der Wind sich gedreht zu haben: Beim Politikerderblecken am Nockherberg ist eine “Bruder Barnabas” genannte Kunstfigur in Deutschlands beliebtestes Fettnäpfchen getreten.

Bußprediger Lerchenberg hatte gehöhnt, Westerwelle versammle Hartz-IV-Empfänger “in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Zaun”. Ãœber dem Eingangstor werde “in großen eisernen Lettern” stehen: “Leistung muss sich wieder lohnen.” Ãœber dem Tor zum KZ Auschwitz hatte in eisernen Lettern gestanden: “Arbeit macht frei”.

So weit, so gut. Westerwelle ist über diesen Vergleich natürlich empört; der fällt für mich unter die Kategorie von Leuten, die laut in den Wald hineinröhren und dann das Echo nicht vertragen können.  Dennoch ist seine Wut verständlich. Aus gutem Grund möchte niemand mit Nazis verglichen werden. Was mich aber an der ganzen Sache wieder aufregt, ist, wer sich noch alles über diesen Scherz aufregen muss:

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, bezeichnete einen entsprechenden Vergleich in der Rede des Schauspielers Michael Lerchenberg am Donnerstag als “nicht hinnehmbar” und “Schande”.

Knobloch sagte, einen derartigen Ausrutscher unter der Gürtellinie habe sie bislang noch nicht erlebt. “Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande für die ansonsten gelungene Veranstaltung.”

Ich weiß gar nicht, wie man derartig dumme Äußerungen noch kommentieren soll, ohne wie der verzweifelte Oliver Kalkofe zu wirken, dem es in seiner Mattscheibe auch nur selten gelingt, die schiere Blödheit der von ihm gewählten Fernsehsendungen noch durch übertriebene Imitationen zu überbieten.  Warum zum Teufel ist es eine Verharmlosung der NS-Verbrechen, wenn man eine Anspielung darauf benutzt, um einem Politiker in einem vollkommen anderen Zusammenhang Menschenverachtung vorzuwerfen? Benutzen Leute wie Frau Knobloch ihr Gehirn eigentlich auch zum Denken, oder haben sie es auf einen reinen “Nazi-Detektor” reduziert, der laut und schrill Alarm schlägt, wenn irgendwo in irgendeinem anderen Zusammenhang als Gedenkfeiern oder großem, deutschen Hakenkreuz-Kinodrama, bestimme Schlüsselworte fallen, ganz egal wie unangebracht und am Thema vorbei ihr Protest im Augenblick ist? Wie ernst nimmt der Zentralrat der Juden die vielbeschworenen Leiden der Opfer eigentlich wirklich, wenn er sie gnadenlos zu nichts anderem benutzt, als sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu profilieren und die eigene Wichtigikeit zu unterstreichen?

Anderswo dasselbe: Ist an Fernsehredakteuren, die noch immer kategorisch behaupten, man dürfe über die düstere Vergangenheit Deutschlands keine Scherze machen, die gesamte Kulturelle Entwicklung der letzten 50 Jahre vorbeigegangen? Warum weigert man sich teilweise auch dort, anzuerkennen, was der Rest der Welt längst begriffen hat: Ausgemergelte Juden in gestreiften Anzügen, düstere SS-Männer in schwarzen Ledermänteln, die bei Nacht und Nebel an Verladebahnhöfen in schwarze Limousinen steigen, langgezogene Hakenkreuzbanner an alten Fassaden, Wehrmachtssoldaten mit knatternden Maschinengewehren, all das sind längst popkulturelle Ikonen. Ich rede hier nicht von den  grandiosen humoristischen Bearbeitungen des Dritten Reiches, die Chaplin, Lubitsch, Brooks, in jüngerer Zeit aber auch Begnini oder Moers abgeliefert haben, ich rede von so etwas wie den “Sturmtruppen”-Comics aus Italien.  Ich rede von den Schurken in Indiana-Jones Filmen, die immer für einen Lacher gut sind (“Nazis! I hate these guys!”), von der Eröffnungsszene in X-Men, von den Flashbacks in Shutter Island: Haben Spielberg, Singer und Scorsese nicht auch Verharmlosung des Holocaust betrieben, wenn sie seine Ikonographie ausnutzen, um Action- und Superheldenfilme zu drehen, die mit dem Thema an sich nichts zu tun haben? Betreibt die Werbeindustrie nicht eine Verharmlosung des Holocaust, wenn sie für Parfumwerbungen die Körperkult-Ästhetik von Leni Riefenstahl weiterbetreibt und damit einen Teil des kulturellen Erbes der Nazis ungebrochen aufrecht erhält?

Auch hier im Blog ist ja schon über die Angebrachtheit von Nazi-Vergleichen gestritten worden. Auch ich persönlich finde sie oft unelegant; die Lektüre vom Gotteswahn mit der Lektüre von Mein Kampf zu vergleichen, verharmlost aber nicht den Holocaust, sondern ist nur dazu geeignet, den Opponenten zu brüskieren. Und auch bei meinen geschätzten Freunden und Kollegen Mitautoren wirkt dieser Mechanismus ziemlich verlässlich: Zieht der Gegner die Nazi-Metapher aus dem Hut, weicht man sogleich auf Gegenattacken in expliziter Fäkalsprache aus oder droht mit der Verweigerung weiterer Gesprächsbereitschaft.

Offenbar ist der Nazi-Vergleich eine Rethorik-Keule, die ganz schön hart treffen kann, deshalb sollte ihr Einsatz gut überlegt sein – aber muss man jemandem, der sie verwendet, sofort vorwerfen, er würde das Leid der Holocaust-Opfer deswegen auf nichts anderes als eine solche Rethorik-Keule reduzieren? Gilt dieser Vorwurf dann auch für Josef Hader, der sich in seinem legendären Programm Privat darüber auskotzt, dass man in Europa vor lauter gebetsmühlenartigem Wiederholen der Phrase “Auschwitz darf nie wieder passieren” vollkommen übersieht, dass Völkermord in vielen Ländern der Erde an der Tagesordnung ist – und dass wir daran nicht unschuldig sind? Aber gegenwärtiger Genozid erhitzt die Gemüter scheinbar nicht so sehr, wie die Verharmlosung des vergangenen.

Wie aber sollen wir aus einer Vergangenheit wie dieser eine Lehre ziehen, wenn wir nicht auch zulassen, sie ins kollektive Bewußtsein und damit auch in die Popkultur oder unser Metaphernarsenal aufzunehmen? Wenn wir uns nicht auch erlauben, Vergleiche mit dieser Vergangenheit heranzuziehen, um früh genug neuen Anfängen entgegenzutreten? Eine mahnende Erinnerung an den Nationalsozialismus finde ich manchmal durchaus angebracht,  z.B.  angesichts der Tatsache, dass eine führende Partei mit Sprüchen wie “Leistung muss sich wieder lohnen” den Sozialstaat untergräbt, oder angesichts eines populäreren Wissenschaftlers, der anregt, darüber nachzudenken, warum man zwar Pferderassen auf bestimmte Merkmale hin züchte, aber davor zurückschrecke, dasselbe auch bei Menschen zu tun, um die Leistungsfähigkeit im Profisport zu steigern. Aber wer den Holocaust als Vergleich heranzieht, anstatt nur zum Selbstzweck darüber entsetzt zu sein, der macht offenbar nicht Gefahren in der Gegenwart deutlich, sondern er verhöhnt die armen Opfer…

Danke Hitler, dass du uns auch weiterhin das Leben schwer machst. Das Verbrechen an deiner Generation war Völkermord, verbrannte Erde, Elend, Massenhypnose und die Zerstörung einer Kulturnation; das an den folgenden Generationen jedoch ein kollektiver Dachschaden. Einerseits nervt man uns mit einen Zwang zur Verarbeitung, will es auf der anderen Seite aber nicht zulassen, wenn diese über ehrfürchtige Betroffenheitsgesten hinausgeht.  Aber indem ich mich darüber beschwere, verharmlose ich vermutlich schon wieder den Holocaust.

4 comments

  1. Nein, natürlich sollte man sich nicht davon abhalten, satirische Vergleiche zu ziehen, geschweige denn Vergleiche, die keineswegs satirisch gemeint sind. Wenn ich z.B. eine Dokumentation sehe bzw. entsprechende Berichte lese oder höre, in denen deutsche Beamte um 4 Uhr nachts zu einer Familie kommen, die offensichtlich gut “integriert” ist und die seit 14 Jahren in Deutschland lebt, denen dann ein paar Tüten vor die Füße wirft und sagt “Ihr habt eine halbe Stunde Zeit zu packen und dann kommt ihr mit.”, während die maximal 16-jährige Tochter in Furcht und Panik schreit, weil sie nichts anderes als Deutschland kennt, dann meine ich es durchaus nicht ironisch, wenn ich sage, dass das Wort Gestapo in fetten Großbuchstaben in mein Gehirn graviert wird und verdammt sei jeder, der mich davon abhalten will, das zu äußern.
    Aber gerade durch allzu dumme und haltlose Analogien wird unter anderem die Schlagkraft solcher, meiner Meinung berechtigter, Vergleiche verringert.
    Kommt halt mal wieder auf die Situation an, würde ich sagen.

    Malibu Aircraft, March 8, 2010
  2. Amen zu dem Text. Sehr schön auf den Punkt gebracht.
    Aber du hast mehrmals “man” verwendet!

    Batz, March 17, 2010
  3. Das hört man gerne…

    Sims Alabim, March 17, 2010
  4. “sorry, dass isch des alde thema jetz’ noch mal anschneid’, aber has’ du eigentlisch escht schon mal auf koks gefickt?”

    hm. das ganze verdichtet sich in der guten alten frage ob der einzigartigkeit des holocaustes.
    isser einzigartig? nun, dann isses in ordnung, kriege auch gegen zivilbevölkerungen zu führen, bekannte sympathische junge diktatoren “ihr” volk dezimieren zu lassen und so fort. alles nicht so schlimm. alles “was anderes”. alles noch im rahmen.
    isser’s nich? tja. dann müsen wir uns halt den “argumenten” diverser personen aus dem öffentlichen und privaten leben stellen, die uns was von den vertriebenen erzählen. alles nicht so einfach.

    hin und wieder fällt mir auf, dass ich ein ähnliches loose-loose-dilemma in mir höchstselbst habe:
    was ist subjektiv schlimmer: imbezile volltrottel ertagen müssen, die mir was zur verunglimpfung der opfer des holocaustes erzählen und oh so viel weitere, oder aber echte probleme, z.B. opfer des holocaustes zu sein.

    und meist fällt mir dann ganz schnell auf, dass das gar kein dilemma ist. ziemlich einfach, eigentlich. ob das den im hauptbeitrag angesprochenen personen auch hin und wieder mal durch den kopf geht?

    bisorg herbatov, May 6, 2010

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