Wochenende in Berlin


Cabuflé; 2008-11-04

Auf dem Kopfsteinpflaster pennen die Penner
Zwei ganze Pärchen und drei einsame Männer
Rauchen Pueblo und trinken Wein
In der französischen Kneipe in Friedrichshain.

“Da sitzen sie, die coolen Leute”, wird der Lustige Bob etwas später sagen, draußen auf der Straße, und auf das Lokal gegenüber deuten “Die sehen genau so aus wie wir. Wir würden da drin kein Bisschen auffallen. Was für Arschlöcher!”

Recht hat der Mann.

Ihre empfohlene Tagesration Schwachsinn


Sims Alabim; 2008-10-17

Das Deutsche Volk ist ja dafür verschrieen, dass das Einhalten von Regeln und Vorschriften ihm besonders im Blut läge. Ich glaube aber, dass auch bei uns die Empfehlung dabei ist, die Vorschrift abzulösen.

Navigationssysteme empfehlen uns mittlerweile beim Autofahren nicht nur Routen, sondern auch Geschwindigkeiten oder das Ansteuern einer Raststätte. Wenn wir uns erst alle daran gewöhnt haben, diese Geräte nicht mehr militärisch “Navigationssysteme” sondern eher “driving consultants” zu nennen, werden Verkehrsregeln auch nicht mehr diese Wichtigkeit haben, und wir werden auch das rote Licht einer Ampel eher als Empfehlung begreifen, jetzt den Anderen Vortritt zu lassen, die aber nicht bindend ist. Andere Völker Europas (ich nenne jetzt keine Namen) haben uns das ja schon lange vorgemacht.

Das Internet ist natürlich Vorreiter auf diesem Gebiet. Members, die diesen Porno mehrfach angesehen haben, interessierten sich auch für … oder: Kunden, die sich dieses Potenzmittel bei uns bestellt haben, hatten im Bett auch große Freude mit …

Und auch Politiker haben die Gesetze, für deren Erlassung und Einhaltung sie letztlich verantwortlich sind, für sich selbst auch immer eher als Handlungsempfehlungen verstanden, die in einer modernen Gesellschaft wie der unseren eigentlich auf die Situation des Individuums jeweils abgestimmt werden sollten.

Was die körperliche Gesundheit angeht, sind wir schon bestens versorgt: Auf dem Tablett, auf dem man sein Maxi-XXL-Sparmenü in den (empfohlenen) Raucherbereich des „Lokals“ tragen kann, sind die Kalorien, die man mit dieser Mahlzeit zu sich nimmt, fein säuberlich zum späteren Ausgleich durch Squash oder Tennis aufgelistet. Doch bei all den Fitness- und Diätplänen, bei all den empfohlenen Tagesrationen an Vitaminen, Kohlehydraten, Fetten und Schwermetallen, die allesamt in einem einzigen Joghurt vereint worden sind, frage ich mich doch, wie es eigentlich um unsere geistige Gesundheit bestellt ist.

Wann legt endlich Mal jemand die empfohlene Tagesration an Schwachsinn fest, der ein Mensch sich aussetzen darf, um nicht zum willenlosen Tölpel zu verkommen oder zum Amokläufer zu werden? Wann entwirft jemand einen Diätplan, der uns zum Beispiel vorschlägt, am Tag nicht mehr als 15 Videos auf YouTube zu sichten, und dafür nicht ohne den Konsum von wahlweise einem Zeitungsartikel oder einem Kapitel in einem nicht illustrierten Buch Schlafen zu gehen?

Wenn mir Marcel Reich-Ranicki in seiner Diskussionsshow mit den Fernsehintendanten nicht zuvor kommt, würde ich mich selbst dazu anbieten, ein Punktesystem zu entwerfen, an dem man sich orientieren kann. Eine Schlagzeile auf web.de würde zum Beispiel 5 Schwachsinnspunkte bekommen, eine komplette Folge DSDS läge bei etwa 100, das entspräche dann 5 Minuten von Kanal Telemedial oder dem Klatschteil der Bildzeitung. Wer die empfohlene Tagesdosis von etwa 75 Punkten überschreitet, dem wird empfohlen, sein Konto mit Dingen auszugleichen, die Minuspunkte haben, etwa einem Live-Album von Konstantin Wecker oder der Lektüre dieses Blogs. Dann wird man schon bald Menschen, von denen man es niemals vermutet hätte, mit Reclamausgaben von Schiller, Rilke oder Kant in der U-Bahn sitzen sehen, bei dem Versuch, ihr durch den Besuch einer Show von Mario Barth hoffnungslos überzogenes Schwachsinnskonto wieder ins Lot zu bringen.

Ich kann den Einwand schon hören, dass mein Punktesystem vielleicht den Schönheitsfehler haben könnte, ein wenig subjektiv zu sein. Menschen, die diesen Einwand erheben, möchte ich die Gegenfrage stellen, ob sie heute schon ihre empfohlene Tagesration an Vitamin E zu sich genommen haben, und wenn nein, warum nicht, und wenn ja: Warum eigentlich?

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Ha ha ha, kuck ma, die Palin…


Cabuflé; 2008-10-17

Cabuflé hat leider gerade alle Hände voll zu tun und müllt das zarte Pflänzchen Instant-Eistee deshalb vorerst weiterhin mit albernem Flash-Gebimse zu. Demnächst gibt es von mir auch Wissenswertes und Interessantes, ja ich scheue mich nicht zu sagen: Tiefschürfendes zu allerlei Themen. Vorerst muss aber sowas reichen:

Ich bin aus diversen Gründen skeptisch gegenüber jener Spielart sich politisch gebenden Humors, die nichts anderes angreift als die vermeintliche Dummheit der attackierten Person. Das war schon bei Bush billig und bei Palin ist es das nicht weniger.

Die Flashinstallation Palin As President jedoch macht die inhaltliche Einfallslosigkeit immerhin durch gestalterische Liebe zum Detail wett und wird deshalb von mir hiermit als netter Zeitvertreib empfohlen.

Viel Spaß…

(via)

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wir ham geld, juhuuuu……


Malibu Aircraft; 2008-10-15

Erst wenn im ntv-Werbe-Nachrichten-Schnippsel-Segment des Berliner Fensters die Meldung über 1 Milliarde hungerleidende Menschen direkt nach einer Nachricht bez. des 500 Milliarden Rettungspackets kommt, mache ich mir Gedanken. 2007 hat Deutschland nur fast 9 Milliarden Euro ODA-Leistungen aufgebracht (BMZ: Deutsche Netto-ODA), was aber keinesfalls reine Entwicklungshilfe ist, sondern auch Schuldenerlasse, Studienplatzausgaben für Studenten aus Entwicklungsländern und Ausgaben für Asylbewerber mit einschließt. 2006 blieb nach diesen Abzügen noch ca. 65 % echte Entwicklungshilfe (15. Bericht zur Wirklichkeit der Entwicklungshilfe, S.26) übrig. Mit dieser Zahl liegt die BRD zwar an zweiter Stelle der Geberländer, gemessen am prozentualen Anteil des Bruttonationalprodukts mit 0,36 % aber nur an 11. Stelle. Ob die Quote bis 2010 auf die international versprochenen, lächerlichen 0,51 % angehoben wird, ist extrem fraglich. Demgegenüber steht, dass Deutschland, laut dem Schattenbericht zu den Millenniumsentwicklungszielen (S. 8) von VENRO (Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen) zum 31.Dezember 2007, Forderungen gegenüber Entwicklungs- und Transformationsländern in Höhe von 23,72 Milliarden Euro erhob.

Tja, wir würden ja gerne mehr geben, aber wir ham doch selbst nichts und überhaupt. Bis auf die… 500… Milliärdchen… Euros….. öhm…

Natürlich ist mir auch klar, dass wir nicht wirklich 500 Milliarden Euro im Hemdärmel haben. Aber wir können oder könnten es „aufbringen“, was immer das heißt. Wobei…. eigentlich ist klar was das heißt. Mehr Schulden… Aber bei wem eigentlich? Wer hat denn noch Geld???? Naja, wie jeder weiß, heißt selber fett Schulden haben im Zeitalter des fiktiven Geldes nicht, dass man nicht auch Gläubiger im großen Stil spielen kann, wie man schön an China sieht.

Auf jeden Fall ist jeder, der im Moment Anleihen aufnehmen muss, zinsmäßig mal ordentlich gefickt. Wenn jetzt viele Staaten ihre Versprechen einlösen müssen, treibt dass das allgemeine Zinsniveau noch weiter nach oben, wodurch die Wirtschaft in noch größere Probleme kommt.

Aber offensichtlich können wir das Risiko ja eingehen. Die Frage ist nur, warum wir das nicht längst gemacht haben, um z.B. hmm… sagen wir… eine gerechtere Welt zu schaffen. Oder muss man sich wirklich wundern, wenn, angesichts so einer Heuchelei, der Terror blüht, in wirtschaftlichen Zusammenbruchsregionen, wo nur noch Drogen und Waffen handelsmäßig lohnend sind? Oder wenn durch Armut, Verzweiflung, null Verhütungsmöglichkeiten und nur eine Art von Altervorsorge, die Weltbevölkerung in Bereiche steigt, bei denen es unmöglich wird, ansatzweise positive weltpolitische Vorhersagen zu machen?

Man fühlt sich ja schäbig solche Schockfakten zu bringen, aber in Sierra Leone z.B. stirbt mehr als jedes vierte Kind bevor es fünf Jahre alt wird. Müsste nicht jeder moralisch intakte Mensch sagen, bevor wir irgendetwas machen, kümmern wir uns erst mal darum. (Ich behaute nicht, dass ich moralisch intakt bin. Aber es wäre eine schöne Vision.) Irgendwie erwarten wir, dass der Weltmarkt fair und angemessen mit uns umgeht. Niemand ist schuld, außer den gemeinen gierigen Managern und Banken und den USA und überhaupt…

Natürlich sind die schuld. Und jetzt? Wir hängen das genauso mit drin. Jeder von uns. Vielleicht erleben wir gerade nur eines der harmloseren Schreckengespenster eines globalisierten kapitalistischen Systems, das sich mit militärischen Vorherrschaften und fiktivem Kapital, das zum großen Teil keine reale Wertgrundlage mehr hat, über Wasser hält.

Ich kenn die Lösung ja auch nicht. Aber vielleicht könnten wir damit anfangen, Potentiale freizusetzen, die nicht hier, auf unserer Seite des Wohlstands liegen. Fakt ist, dass neue reale Wertgrundlagen entstehen müssen. Dinge wie neue, unerforschte Energiequellen. Und ja, wenn es gut erforscht ist, warum nicht auch Genfood, dass in wüstenähnlichen Gebieten wachsen kann? Ach ja, was auch nicht schlecht wäre: Eine Weltgemeinschaft, die gemeinsam, dadurch, dass sie ernsthaft und nicht nur als hohes Phrasenkostüm, Chancengleichheit anstrebt, zusammen an diesem gigantischen, irgendwie in letzter Zeit ziemlich schief laufendem, Experiment Menschheit arbeiten.

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