Schweigen können


Sims Alabim; 2013-01-24

Als ich meinen Großvater das letzte Mal gesehen habe, haben wir viel geschwiegen. Wir saßen auf der Terrasse, es war heiß, ich war müde von der Reise, er war müde vom Alter und vielleicht auch von den Medikamenten. So saßen wir da, ohne viel zu reden, und wir ließen es zu, dass uns hin und wieder für eine Weile die Augen zugefallen sind.

Die Ahnung, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass wir uns sehen, war deutlich zu spüren. Trotzdem schwiegen wir so lange Zeit. Als diese Ahnung dann zur Gewissheit wurde, habe ich dieses Schweigen bedauert.

Doch jetzt frage ich mich: Was hätten wir reden sollen? Gab es denn wirklich noch ungesagte Dinge, die diesen letzten gemeinsamen Nachmittag bedeutsamer gemacht hätten, als er es auch ohne Worte gewesen ist? Gibt es überhaupt irgendwas, das man verpflichtet ist zu sagen, wenn es ans Abschiednehmen geht? Oder bilden wir uns nur ein, wir würden mit dem Tod besser umgehen können, wenn es uns gelänge, ihm etwas mehr Pathos abzutrotzen?

Ich würde mir für meine letzten Tage wünschen, dass ich mit jenen, die dann bei mir sind, schweigend zusammensitzen kann. Dass keiner währenddessen in seinem Kopf krampfhaft nach Dingen suchen muss, die er noch aussprechen könnte. Oder nach Wegen, das zu sagen, was ihm so lange schon auf der Zunge brennt. Ich würde mir wünschen, dass man einfach da sitzen kann, vielleicht sogar mit geschlossenen Augen, friedlich und schweigend. Und es soll gut so sein.

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