Fliesentisch! Fliesentisch!


Cabuflé; 2009-06-04

Dirk vom Kompetenzcenter dokumentiert ebenda in einer beachtlichen Fleißarbeit die hohe Fliesentischdichte im zeitgenössischen Unterschichtenfernsehen.

Stefan Niggemeier schreibt in ähnlichem Zusammenhang:

Persönlich kenne ich exakt null Menschen, die einen Fliesentisch ihr eigen nennen (…) Aber das entspricht ja genau der Zahl der Menschen, die ich kenne, die schon mal bei „Mitten im Leben”, „Erwachsen auf Probe” oder in ähnlichen Sendungen mitgewirkt haben.

Ich wüsste da spontan jetzt auch niemanden. Aber ist das nicht schade? Hätte der Fliesentisch nicht besseres verdient, als die Wohnstuben junger Prekarier im Privatfernsehen zu zieren?

Es mag daran liegen, dass ich irgendwo in meinem Hinterkopf die nebulöse Erinnerung ausgrub an Cabuflés nicht mal zehnjährige Kinderfinger, die einst – wann und wo kann ich nicht sagen –  fasziniert die Fuge zwischen zwei Fliesen eines Fliesentisches erkundeten (populärpsychologische Sticheleien werden in den Kommentaren entgegen genommen).

Vielleicht wirkt die Verwendung von Fliesen als Möbeloberfläche im Zeitalter von Furnier und Pressspan auch einfach ehrlicher als ein beliebiger leidlich an Holzoptik gemahnender Kunststoff.

Wie auch immer – fest steht jedenfalls: Ich will einen Fliesentisch! Unbedingt! Ganz dringend! Jetzt sofort! Hat irgendjemand einen über oder kennt jemanden?

Stefan Niggemeier kann mir offenbar schon mal nicht weiterhelfen…


***


Und wo wir gerade dabei sind, möchte ich gerne noch auf Niggemeiers großartigen Artikel zu RTLs neuestem Unfug “Erwachsen auf Probe” hinweisen, der die heute übliche Entfremdung zwischen Medienmachern und ihren (potenziellen) Konsumenten exemplarisch illustriert:

Es war in der Diskussion faszinierend zu sehen, wie die Kinderschützer mit großer Naivität glaubten, dass eine Sendung, die RTL eine „Dokumentation” nennt, das tatsächliche Geschehen dokumentiert. Und wie die Fernsehleute mit ebenso großer Betriebsblindheit nicht glauben konnten, dass jemand annehmen könnte, dass das, was RTL in so einer Show zeigt, eine größtmögliche Annäherung an die Wirklichkeit wäre — und nicht vor allem den üblichen Inszenierungs-Regeln folgen würde.

one comment

  1. weis nicht, wie weit das schon im (wissenschaftlich übrigens ungefähr auf geozentrischem weltbild-niveau umherplanschende) kollektiven gedächtnis präsent ist, aber:
    diese schöne format ist nicht etwa nur moralisch totaler blödfug, sondern ist auch einfach ganz offen schädigend für die verliehen kinder, und zwar in entwicklungspsychopathologischem sinne ungefähr auf frühkindlichemkriegsverwaisungsniveau. somit würde ein halbwegs pflichtbewusster staat den kackbratzeneltern, die wiederum ihre “eigenen” kackbratzen dem netten onkel vom fernsehen mitgeben, mal eben mit so archaischen mitteln wie aufsichtspfilchtverletzungsklagen und sorgepflichtsentzug kommen (können/müsssen).
    einen literarischen beleg hierfür bleibe ich genauso schuldig, wie den immensen aufwand, den oben angegeben link zu verfolgen und diesen artikel zu lesen- weil ich es KANN.

    bisorg herbatov, July 6, 2009

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