Atheismus ist Religion


Sims Alabim; 2009-04-10

Und soll mein Denken zu etwas taugen, und sich nicht nur im Kreise drehn, will ich versuchen, mit Euren Augen die Wirklichkeit klarer zu sehn.

Hannes Wader

Nachdem ich mich nun in letzter Zeit dazu berufen gefühlt hatte, mich auf dieser Seite in die Waldorf-Debatte einzumischen und gegen eine gewisse Art des Skeptizismus zu Felde zu ziehen, während andere Kollegen auf dieser Seite Gegenpositionen formuliert haben und noch zu formulieren gedenken, habe ich mir jetzt ein Grundsatzpamphlet dazu aus den Rippen geleiert. Ich veröffentliche es nun ohne auf Cabuflés Finale zu warten, weil ich den Kopf endlich wieder für andere Dinge frei haben muss. Da diese Diskussion nun ohne Polemik keinen Spaß macht, sei an dieser Stelle noch einmal deutlich darauf hingewiesen, dass sämtliche spitzen Attacken nicht als persönliche Angriffe gegen meinen geschätzten Freund und Kollegen Cabuflé zu verstehen sind, den ich im Gegenteil in diesem Disput als fairen Sparringspartner betrachte, und daher auch nicht zu vergrämen hoffe, wenn ich ihm unterstelle (noch dazu, wo er erst in ein paar Wochen die Zeit hat, sich zu wehren), dass er drauf und dran ist, sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen. Ebenso hoffe ich, Malibu Aircraft hat nichts dagegen, dass ich ein paar von ihm gepostete Links als Beiträge zu dieser Diskussion werte, auch wenn sie nicht explizit als solche gekennzeichnet worden sind. Des weiteren hoffe ich mit diesem Pamphlet meinen Standpunkt weitestgehend klar genug gemacht zu haben, um fürderhin nicht noch weiter darauf herumreiten zu müssen, weil ich mir sonst wie ein Missionar vorkomme, der ich keinesfalls sein möchte. Als letztes entschuldige ich mich noch dafür, dass meine Beiträge immer so lang werden. Aber Bits und Bytes sind nun einmal geduldig.

Ich möchte auch mit einem ganz und gar nicht ironisch gemeinten Geständnis beginnen: Ich glaube, dass ich den Wissenschaftlern von GWUP tatsächlich unrecht getan habe, und dass meine Beurteilung ihres Tuns ihrer Methode und ihrer Haltung gegenüber wahrscheinlich unfair war, dass mich ihre Argumente (im Bezug auf Wünschelruten!) rational eigentlich weitgehend überzeugen, dass ich mir das selbst aber ungern eingestehe, weil ich in mir einen Willen dazu spüre, in der Welt eine gewissen Portion Wunder, Mythos und verborgenen Sinn zu entdecken, und dass mir eine Entzauberung meines Weltbildes von all diesen Dingen ein gutes Stück weit jenen Boden unter den Füßen wegziehen würde, auf dem sich viele meiner Ãœberzeugungen gründen. Viele dieser Ãœberzeugungen ließen sich in ein rein agnostisches Weltbild hinüberretten, andere nicht.

Was mich  also angestachelt hat, diese Debatte überhaupt zu führen, war die von mir subjektiv empfundene  Ätschi-Bätsch-Attitüde eines populärwissenschaftlichen Fernsehbeitrages, der sich erdreistet, in der Hauptsache das partielle Versagen zweier Probanden als allgemeingültige Argumentationskeule für ein finales Statement zu einem Phänomen zu verwenden, das soziologisch weitaus komplexer ist als die Frage „Wo steckt der Wassereimer”?

Und das wiederum steht auch nur stellvertretend für eine ganz andere Frage: Ist die Wissenschaft gerade dabei, Gott zu ermorden?

Wenn ich auch nicht die Legitimation der Wissenschaft in Frage stelle, Phänomene wie Wünschelruten zu untersuchen, kann ich mich doch beim besten Willen nicht zu der Sichtweise durchringen, bei Wissenschaftlern, die sich einer Organisation wie GWUP anschließen, herrsche gegenüber solchen Phänomenen allein der objektive Forscherdrang. Diese Menschen sind auf einer Mission. Nicht dem bislang Unerklärten per se wird sich verschrieben, sondern nur dem, für das Andere bereits eine spirituelle Erklärung anbieten. Weil sich unter diesen viele Nepper, Schlepper und Bauernfänger befinden, ist auch das zunächst ja ein eher lobenswertes Unterfangen, das aber leider eine Kehrseite hat: Der Aufklärungswille der Wissenschaft kann leider genauso in dogmatischen Eifer abgleiten, wie jede andere Weltanschauung. Es gibt da einen schönen Spruch in der Bibel, dessen Wahrheitsgehalt sicherlich auch ein Atheist voll und ganz anerkennen kann: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Die Frage ist doch nicht bloß, was für ein Weltbild jemand postuliert, sondern vor allem, was er damit anstellt, welche Zwecke und Handlungen er damit motiviert. (Oder, um den Baloney Detection Kit um eine meiner Meinung nach essentielle Frage zu erweitern: Was will mir jemand verkaufen?) Und da hat für mich ein Wissenschaftler, der seine Mitmenschen davor bewahren will, auf Humbug hereinzufallen mehr Sympathiepunkte als ein Löffelverbieger, der mich dazu bringen will, mir unsägliche Shows auf Pro Sieben anzusehen. Nach diesen Maßstäben zuallererst beurteile ich Waldorflehrer, die für ein miserables Salär versuchen, Kinder ohne Notendruck auf das Abitur vorzubereiten, den Gründer einer solchen Schule, einen Journalisten, der im Internet einen penetranten Ideologiefeldzug gegen diese Institution führt, weil das dem Waldorfunterricht zugrunde liegende Weltbild nicht in seinen Kopf will, oder eben einen Wünschelrutengänger, der uns erklärt, was ein guter Ort für einen Brunnen wäre.

Weil ich nach diesen Maßstäben urteile, erlaube ich mir auch, mir meine Vorbilder unter den Menschen zu suchen, die etwas zu Stande gebracht haben, das ich bewundere, und unter diesen finde ich einfach sehr viel mehr von Glauben und Spiritualität motivierte, als bekennende Atheisten. Ob das (verzeiht mir das Klischee) Mahatma Gandhi ist, die Geschwister Scholl oder Dag Hammarskjöld, oder auf dem Gebiet meiner eigenen (angestrebten) Profession Autoren wie  JRR Tolkien, Michael Ende, David Lynch oder Alan Moore, der in einem Interview Folgendes gesagt hat:

Magie ist das Nachdenken über das Nachdenken. [...] Ich versuche nicht, das physikalische Universum zu verändern. Ich will nicht Blei in Gold verwandeln, ich will keine bösen Geister beschwören, keinen Regen erzeugen und auch nicht mit Hilfe von Magie fliegen. [...] Ich benutze Magie um zu verstehen, und Ebenen der Wahrnehmung und Realität zu erreichen, die ich sonst nicht betreten könnte. Magie ist für mich ein Weg mit unserem Geist in Verbindung zu treten, was dem Bewusstsein einen größeren Handlungsspielraum einräumt.

[...] Wenn man seine Wahrnehmung ein wenig verschoben hat, dann merkt man, dass es eigentlich zwei Welten gibt. Die der materiellen Dinge, die wir abmessen können, und die Welt unserer Gedanken, die wir nicht anfassen können. Würde man sich keinen Stuhl ausdenken, gäbe es auch keinen physischen Stuhl. Magie spricht von dieser immateriellen Welt. Der Welt, auf der alles Physische steht.

Tagesspiegel: Die aktuelle neurobiologische Forschung dürfte Ihnen dann nicht besonders zusagen, oder?

Stimmt. Die sagt, das Bewusstsein ist nicht wirklich existent, sondern nur ein Nebenprodukt unserer Biologie. Das sehe ich anders, kann aber verstehen, warum die Wissenschaft das behaupten muss. Sonst könnte es ja nicht im traditionellen Rahmen erklärt werden. Aber wenn wir diese wissenschaftliche Erklärung akzeptieren, limitieren wir uns selbst. Richtig und Falsch wären egal, weil chemische Prozesse keine Moral kennen. Und wenn wir ein großartiges Kunstwerk schaffen, dann geschähe das mehr oder weniger nur aus Zufall. Das akzeptiere ich nicht. [...] Was bei Siegmund Freud als so bahnbrechend empfunden wurde, war im 19. Jahrhundert in okkulten Logen allgemeine Praxis. Nur das Magier eher von Unterwelt und nicht vom Unterbewusstsein und von Dämonen statt von Komplexen oder Obsessionen gesprochen hätten. Aber eigentlich ist es dasselbe Feld. Psychologie ist lediglich Okkultismus mit einem Laborkittel.

Man mag die Geschichte der isländischen Elfenbeauftragten schrecklich albern und rückständig finden, mir gibt es den Glauben an die Menschheit zurück, denn die Haltung, die in Island an den Tag gelegt wird, wenn man sich darum bemüht, die Wohnstätten von Naturgeistern nicht zu asphaltieren,  zeugt von einem tiefen Respekt der Natur gegenüber, den man vielleicht leichter verlieren kann, wenn man in Wald und Flur nur verschiedene Kohlenstoffzustände erkennt. Woher sonst kommt das „organisierte Verbrechen an der Biosphäre”, das Konstantin Wecker in seinem Willy III beklagt:

„Kein Tier, kein Baum, kein Fluss und kein Meer besitzt noch irgendeinen Wert in sich selbst. Sie alle sind entwertet durch die Tatsache, dass sie kein Geld sind.”

Und wenn der „geniale Tim Minchin” sich daran erfreut, dass er dank des wissenschaftlichen Fortschritts  nun eine doppelt so hohe Lebenserwartung hat, wie seine Vorfahren, dann ist ihm hoffentlich klar, dass dies wesentlich seiner Geburt in einem europäischen Wohlstandsstaat geschuldet ist, und dass auf anderen Kontinenten die Opfer dieses Fortschrittes noch immer in steinzeitlichen Zuständen hausen müssen, und von seiner verdoppelter Lebensspanne leider ziemlich wenig haben. Der Siegeszug des Materialismus fordert seine Opfer, aber Uri Geller und der Papst sind nicht darunter. Und wenn Letzterer ihnen jetzt die Kondome ausredet, dann verschlimmert das zwar ihre Situation, aber die Ursachen liegen woanders: In einem globalen Wirtschaftssystem, an dessen Errichtung die Wissenschaft fleißig mitgebaut hat. Naturwissenschaft existiert nicht ohne Kontext, weil sie aus sich heraus schwer Moralbegriffe entwickeln kann, und ob ihre Erkenntnisse sich daher als Fluch oder Segen erweisen, hängt von jenen gesellschaftlichen Parametern ab, die es leichter haben, Moralbegriffe zu entwickeln. Dazu gehört die Religion. Dazu gehört die gesellschaftliche Wirkung alten und modernen Kunst- und Kulturgutes, das sicherlich zu einem größeren Teil von spirituellen Menschen stammt, als von Ahteisten.

Ich behaupte damit nicht, Atheismus wäre per se unmoralisch (oder unpoetisch) – genug Unterhaltungen mit überzeugten Atheisten haben mir das Gegenteil gezeigt. Doch diese Menschen haben sich intensiv mit der Frage nach Gott und Moral auseinandergesetzt. Natürlich kann es sowohl rein philosophische als auch rein naturwissenschaftliche Ansätze geben, die einen gesellschaftlichen Moralkodex generieren, wie etwa Kants kategorischen Imperativ oder meinetwegen der Nachweis, Mitgefühl mit Angehörigen der eigenen Herde verschaffe Säugetieren einen evolutionären Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Letztlich wird dieser Moralkodex aber immer von Autoritäten durchgesetzt und instrumentalisiert werden, und das einzelne Individuum wird ihn aus persönlichen Gründen akzeptieren oder ablehnen, die mit seinem „Wahrheitsgehalt” herzlich wenig zu haben. Damit will ich nur sagen: Eine rein auf Naturwissenschaft basierende Weltanschauung hat in soziologischen Zusammenhängen einer Religion nichts voraus. Eine alle Religion und jeden unbewiesenen Glauben verdammende, sich rein an die Fakten haltende Gesellschaftsordnung der Vernunft würde sicherlich genauso gut oder schlecht funktionieren, wie jede andere, doch wenn auf dem Weg dahin sämtliche “gottesfürchtigen” Menschen erst eines besseren belehrt werden müssen, entzöge man einem großen Teil der Menschheit die Chance, sich einen unmittelbaren Zugang zu einem Wertesystem zumindest einzubilden.

Es muss eine wichtige Unterscheidung getroffen werden zwischen Wissenschaft, was eher eine Methode im Kampf um Erkenntnis als eine Weltanschauung ist,  und Materialismus, was eine Weltanschauung ist, und zwar in meinem Augen eine der dogmatischsten überhaupt. Wie jede gestandene Religion behauptet er, dass es neben seinem Gott (der Materie) nichts gäbe. Zumindest nichts, von dem wir sprechen und nach dem wir unsere Handlungen ausrichten dürften. Die Wissenschaft als solche ist ja von so einem Weltbild zunächst frei (auch wenn der Materialimus sie gerne zu seiner persönlichen Geheimwaffe machen würde) und steht letztlich allen und auf allen Feldern zu Gebote. Rudolf Steiner nimmt immerhin für sich in Anspruch, die übersinnliche Welt mit einer streng wissenschaftlichen Methodik untersucht zu haben.

Wer als „Wissenschaft” nur gelten lässt, was durch die Sinne und den ihnen dienenden Verstand offenbar wird, für den kann selbstverständlich das hier als „Geheimwissenschaft” Gemeinte keine Wissenschaft sein. Ein solcher müsste aber, wenn er sich selbst verstehen wollte, zugeben, dass er nicht aus einer begründeten Einsicht heraus, sondern durch einen seinem rein persönlichen Empfinden entstammenden Machtanspruch eine „Geheimwissenschaft” ablehnt. Um das einzusehen, hat man nur nötig, Ãœberlegungen darüber anzustellen, wie Wissenschaft entsteht und welche Bedeutung sie im menschlichen Leben hat. Das Entstehen der Wissenschaft, dem Wesen nach, erkennt man nicht an dem Gegenstande, den die Wissenschaft ergreift; man erkennt es an der im wissenschaftlichen Streben auftretenden Betätigungsart der menschlichen Seele. Wie sich die Seele verhält, indem sie Wissenschaft sich erarbeitet, darauf hat man zu sehen. Eignet man sich die Gewohnheit an, diese Betätigungsart nur dann ins Werk zu setzen, wenn die Offenbarungen der Sinne in Betracht kommen, dann gerät man leicht auf die Meinung, diese Sinnesoffenbarung sei das Wesentliche. Und man lenkt dann den Blick nicht darauf, dass ein gewisses Verhalten der menschlichen Seele eben nur auf die Sinnesoffenbarung angewendet worden ist. Aber man kann über diese willkürliche Selbstbeschränkung hinauskommen und, abgesehen von dem besonderen Falle der Anwendung, den Charakter der wissenschaftlichen Betätigung ins Auge fassen. Dies liegt zugrunde, wenn hier für die Erkenntnis nichtsinnlicher Weltinhalte als von einer „wissenschaftlichen” gesprochen wird. An diesen Weltinhalten will sich die menschliche Vorstellungsart so betätigen, wie sie sich im anderen Falle an den naturwissenschaftlichen Weltinhalten betätigt. Geheimwissenschaft will die naturwissenschaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die auf ihrem Gebiete sich an den Zusammenhang und den Verlauf der sinnlichen Tatsachen hält, von dieser besonderen Anwendung loslösen, aber sie in ihrer denkerischen und sonstigen Eigenart festhalten. Sie will über Nichtsinnliches in derselben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft über Sinnliches spricht. Während die Naturwissenschaft im Sinnlichen mit dieser Forschungsart und Denkweise stehen bleibt, will Geheimwissenschaft die seelische Arbeit an der Natur als eine Art Selbsterziehung der Seele betrachten und das Anerzogene auf das Nichtsinnliche Gebiet anwenden. Sie will so verfahren, dass sie zwar nicht über die sinnlichen Erscheinungen als solche spricht, aber über die nichtsinnlichen Weltinhalte so, wie der Naturforscher über die sinnenfälligen. Sie hält von dem naturwissenschaftlichen Verfahren die seelische Verfassung innerhalb dieses Verfahrens fest, also gerade das, durch welches Naturerkenntnis Wissenschaft erst wird. Sie darf sich deshalb als Wissenschaft bezeichnen.

[...] Der Geheimwissenschaftler will den Wert der Naturwissenschaft nicht verkennen, sondern ihn noch besser anerkennen, als der Naturwissenschaftler selbst. Er weiß, dass er ohne die Strenge der Vorstellungsart, die in der Naturwissenschaft waltet, keine Wissenschaft begründen kann. Er weiß aber auch, dass, wenn diese Strenge durch ein echtes Eindringen in den Geist des naturwissenschaftlichen Denkens erworben ist, sie festgehalten werden kann durch die Kraft der Seele für andere Gebiete.

[...] Es sollte vielmehr die Sache dieser Erkenntnis sein, anzuerkennen, dass die materialistische Anschauungsart eine notwendige Begleiterscheinung des großen naturwissenschaftlichen Fortschrittes in unserer Zeit ist. Dieser Fortschritt beruht auf einer gewaltigen Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung. Und es liegt einmal im Wesen des Menschen, dass er innerhalb der Entwickelung jeweilig einzelne Fähigkeiten auf Kosten anderer zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade bringt. Die genaue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so bedeutungsvollen Maße durch die Naturwissenschaft entwickelt hat, musste die Pflege derjenigen menschlichen Fähigkeiten in den Hintergrund treten lassen, welche in die „verborgenen Welten” führen. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher diese Pflege notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht dadurch anerkannt, dass man die Urteile bekämpft, welche aus dem Ableugnen dieses Verborgenen ja doch mit logischer Folgerichtigkeit sich ergeben, sondern dadurch, dass man dieses Verborgene selbst in das rechte Licht setzt.

[Aus: Die Geheimwissenschaft im Umriss, geschrieben vor ziemlich genau 100 Jahren von Rudolf Steiner.]

Eine Welt hinter der Materie zu vermuten, heißt nicht gleich, der Vernunft abzuschwören und jeden Mist zu glauben, den einer von einer Kanzel predigt. Es heißt einem schwer deffinierbaren Gefühl das Recht einzuräumen, gültig zu sein. Manche sind zufrieden, wenn dieses Gefühl sich mit dem Glauben deckt, in dem sie erzogen werden. Anderen reicht das nicht, und sie gehen auf Forschungsreise. Hinein ins eigene Herz oder möglicherweise hinein in wahrhaftige übersinnliche Gefilde. Es ist das gute Recht jedes Menschen, Steiners Erforschungen der übersinnlichen Welt als unwahrscheinlich oder unglaublich zu bezeichnen. Wer aber sagt, sie seien unmöglich, weil man als Mensch eben nur mit seinen weltlichen Sinnen Wissenschaft betreiben könnte, der macht genau den Schritt vom Zweifler zum Dogmatiker, den ich anprangere.

Nachdem ich nun ein paar der Videos von und mit Richard Dawkins und James Randi mit Spannung verfolgt habe, muss ich sagen, dass ich die Beiden erst einmal für sympathische Zeitgenossen halte, die Berechtigung ihres Standpunktes grundsätzlich anerkenne, und den weltanschaulichen Ansatz, den sie darin zum Ausdruck bringen, für begrüßenswert halte. In einem Vortrag (in dem auch noch der von mir hochgeschätzte Douglas Adams posthum zu Wort kommt) wundert sich Dawkins zum Beispiel darüber, warum es nicht erlaubt ist, religiöse Ansichten genauso zu hinterfragen, zu diskutieren und anzugreifen, wie etwa politische Meinungen. In diesem Punkt bin ich mit ihm ganz und gar einer Meinung: Jede Weltanschauung sollte sich hinterfragen und kritisieren lassen müssen. Ein Glaubenssystem, dass so fragil ist, dass es auf berechtigte Zweifel nicht antworten, sondern diese nur als Ketzerei deklarieren kann, ist meiner Meinung nach sowieso nichts wert. Ãœberzeugungen sind eine gefährlichere Sache als Zweifel, denn ich glaube, sobald man damit aufhört, seine Sicht der Dinge zu hinterfragen und jeden Tag anhand eigener Erfahrungen und von außen vorgebrachter Argumente neu zu überprüfen, hat man schon verloren, weil sie dann zu einem Dogma erstarrt. Es sollte daher erlaubt sein, sich über den Papst, Mohamed, Jesus und die heilige Dreifaltigkeit lustig zu machen, bestehende Widersprüche in Glaubenssystem aufzuzeigen und vor allen Dingen jeden Menschen, der sich zu etwas bekennt, nach den Gründen dafür zu fragen. Denn jeder Gläubige sollte sich darüber klar werden, ob er tatsächlich, im Grunde seines Herzens glaubt, oder nur nicht aus der Tradition ausbrechen kann, in die er hineingeboren ist. Ob seine Religion ihm hilft, mit der Welt klar zu kommen, oder ob sie ihm Schuld und Sünden einredet, um ihn an der kurzen Leine zu halten, oder die Lösung all seiner Probleme, wenn er nur genug Energieausgleich leistet. Auf welche Schriften beziehen sich seine Priester, und auf welche Quellen beziehen sich diese Schriften, wie unterschiedlich kann man sie auslegen, wo liegen ihre Widersprüche? Und: Entsprechen die Erfahrungen, die ich in meinem eigenen Leben Tag für Tag mache, wirklich dem, wie meine Religion mir die Funktion der Welt erklärt? Ja, diese Fragen sollte man stellen. Die entscheidende Sache ist aber: Wie fragt man – und kann man mit der Antwort auch umgehen?

Leider zeigt Dawkins in seiner Kampagne auch Anzeichen jenes selbstgerechten Absolutheitsanspruches, der mich, wenn dort zur Schau getragen, auch an jeder anderen Religion und Weltanschauung abstößt. Ob jemand auf Busse schreibt „God does not exist” oder auf Plakate „God hates Fags“, da sehe ich in punkto Borniertheit wenig Unterschied. Zu seiner Ehrenrettung hat Dawkins allerdings das wesentliche Wörtchen „probably” in seinen Satz eingefügt.

Auch Dawkins wird doch nicht ernsthaft bestreiten wollen, dass die Frage nach der Religion eines Menschen weitaus persönlicher und mit weitaus mehr Privatem verknüpft ist, als die nach seiner politischen Ãœberzeugung. Wovon ein Mensch überzeugt ist, das kann er leichter verteidigen, als etwas woran er glaubt, weil Glauben eben oft eine Sache ist, die sich nicht empirisch beiweisen und mit Statistiken begründen lässt. Jemanden zu fragen, an welchen Gott er glaubt, und warum, kann ebenso heikel und privat sein, wie Fragen nach seinem Liebesleben (dem im Herzen, nicht dem im Bett). Das muss man anerkennen, wenn man sich auf Aufklärungsmission begibt. Und dazu ist seine “wissenschaftliche” Tätigkeit schon längst geworden.

Wenn Gespräche mit Offenheit, Neugierde und guten Argumenten geführt werden, wenn die Absicht spürbar wird, dass hier jemand wirklich begreifen will, was die Welt so im Innersten zusammenhält, dann kann ein Dialog zwischen einem Gläubigen und einem Skeptiker ja für beide Seiten herausfordernd und befruchtend sein. Was ich aber einfach nicht abkann, sind Menschen, die voller Ãœberzeugung davon, dass allein empirisch Beweisbares und naturwissenschaftlich Erklärbares einen Wahrheitsanspruch haben dürfe, jeden belächeln, der auch den Reinkarnationsgedanken gelten lässt. Die einem dann einen Link zu einer wissenschaftlichen Studie um die Ohren hauen, mit der ihrer Meinung nach alles erklärt sei, und offenbar der Ansicht sind, diese ultimativen Argumente müssten jeden vernünftigen Menschen überzeugen, und bei allen anderen sei sowieso Hopfen und Malz verloren, und wer an Gott glaubt, der glaubt auch an Aliens, Hundeleser und Uri Geller. Diese Arroganz, das gestehe ich ganz offen, löst in mir dieselben Gefühle aus, die ich habe, wenn zum Mord an Salman Rushdie aufgerufen oder Homosexualität als moralische Verirrung bezeichnet wird.

Vernünftige Wissenschaftler, bzw. Wissenschaftler, die die Grundhaltung wissenschaftlichen Betreibens ernst meinen, geben doch gerne zu, dass sie weder alles wissen, noch alles erklären können, dass sie lediglich nach überzeugenden Argumenten für oder gegen etwas suchen, und diese dann so lange gelten lassen, bis jemand kommt und sie widerlegen kann. Ein solcher Wissenschaftler mag dann anhand diverser Gründe, die alle ihre Berechtigung haben, zu dem Schluss kommen, dass es für den Glauben an Gott durchaus andere Gründe gibt als dessen mögliche Existenz. Er wird sich aber dennoch nicht dazu versteigen, Gottes Existenz deswegen als widerlegt zu betrachten. Wenn er das tut, hat er für mich in dieser Sache leider seine Glaubwürdigkeit ebenso verloren, wie der Papst in der Kondomfrage. Religion ist wie die Wissenschaft menschengemacht, und so wenig, wie der Irrtum eines Naturforschers die gesamte Methodik der Wissenschaft diskrediert, beweisen Widersprüche in den Behauptungen eines Priesters die Nichtexistenz von Gott.

Kein (vernünftiger) Christ, Jude, Buddhist oder Anthroposoph würde auf die Idee kommen, sämtliche Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu verleugnen und die Existenz der Schwerkraft nicht gelten zu lassen, nur weil davon in der jeweiligen Heiligen Schrift nichts zu lesen steht. Aber gewisse Schichten eines aufgeklärten Bürgertums tun alles als Humbug ab, was jenseits naturwissenschaftlicher erklärbarer Fakten liegt. Doch Naturwissenschaft ist eine Sache, wenn sie zu den Dingen, die sie erforscht, Statements macht, aber in dem Moment, wo sie sich nicht mehr auf das Feld dessen, das sie beurteilen kann, beschränkt, sondern neben sich nichts Anderes gelten lässt, wird sie zu einer Religion und erfüllt alles, was ich (nicht nach dem Lexikon sondern persönlich und willkürlich) als Kriterien einer Religion beschreiben würde:

Anstelle des Absolutheitsanspruches einer Gottheit steht der Absolutheitsanspruch der empirischen Beweisbarkeit, anstelle des Postulates göttlicher Allmacht und Unfehlbarkeit steht das Postulat, nur an solche Dinge zu glauben, die mit physischen Sinnen erfahrbar und durch physische Vorgänge erklärbar sind. Anstelle von Priestern, Rabbis und Eingeweihten, gibt es Gurus, die Doktoren- und Professorentitel tragen, deren Existenzberechtigung sich aus dem Studium gewisser Schriften und im Bedarfsfall der weiterführenden interpretatorischen Eigenleistung derselben ableiten lässt. Ebenso wie Priester sind das letztlich auch nur Menschen, die vielleicht nicht nur auf anderen Gebieten sondern sogar auf dem Feld ihrer eigenen Expertise vernagelte Deppen sein können, und die sich untereinander trotz des gemeinsamen Glaubens über viele Dinge nicht einig sind. Ebenso wie den Priestern die göttliche Erleuchtung nicht selbst zuteil wurde, sondern sie das weitertragen, was Gott einstmals durch den Mund dieses oder jenes Propheten den Menschen hat zuteil werden lassen, so wenig ist ein Wissenschaftler den Erkenntnisweg, der ihn zu seinem Standpunkt geführt hat, von Anfang bis Ende alleine gegangen. Er mag ihn nachvollzogen haben, mag soweit es ihm möglich war, eine eigene Ãœberprüfung dessen vollzogen haben, was man ihm beigebracht hat, aber er ist (bestenfalls) nur den letzten Schritt des Weges wirklich alleine gegangen. Zwerge auf den Schultern von Riesen.

(An dieser Stelle mag der Einwand kommen, dass zwar kein Mensch, der beispielsweise daran glaubt, dass Atomkraft funktioniert, sich noch die Mühe machen müsse, sämtliche Experimente Otto Hahns im eigenen Keller nachzustellen, aber dass der Weg wissenschaftlicher Erkenntnis so transparent sei, dass er dies jederzeit tun könne, wenn er sich selbst überzeugen wollte. Schön und gut. Ãœber zahlreiche Wege spiritueller Einweihung wird nichts anderes gesagt. Siehe Rudolf Steiner. Siehe Buddhismus, dessen Anhänger gerne sagen, er sei keine Frage des Glaubens, sondern der Erfahrung.)

Wie in jeder Religion auch entspringt der Wissenschaftsglaube des einzelnen Jüngers zunächst seinem soziologischen Background, und jeder, der ihm wirklich mit Eifer verfallen ist, hat sich irgendwann (oft in einem Akt der Abkehr von der Tradition, in der er aufgewachsen ist) bewusst dafür entschieden und dafür seine ganz eigenen, persönlichen Gründe gehabt, die sich auf die Erfahrungen gründen, die er bis dahin in seinem Leben gemacht hat.

Wie in jeder Religion verselbstständigen sich auch in der Wissenschaft manche Theorien ganz gerne zu Gewissheiten, die nur noch schwer aus den Köpfen der Gläubigen zu tilgen sind. Ein schönes Beispiel dafür sind die Einschaltquoten.  Nach jeder Ausstrahlung von „Wetten Dass…” kann man irgendwo lesen, wie viele Millionen die Sendung am Samstag gesehen hätten. Was nichts anderes ist als eine Hochrechnung wird als Fakt präsentiert und rezipiert. Kein Mensch weiß, wie viele Millionen tatsächlich Wetten Dass gesehen haben. Man weiß nur, wie viele der mit einem Messgerät versehenen Fernsehgeräte einer repräsentativen Testgruppe von Zuschauern für die Dauer der Sendung eingeschaltet gewesen sind. Der Rest beruht auf der Spekulation, dass der prozentuale Anteil an Wetten-Dass-Sehern in der Testgruppe identisch ist mit dem prozentualen Anteil in der ganzen Bevölkerung. Dieses System kann so ausgeklügelt und raffiniert sein, wie es will, es ändert nichts daran, dass die Ermittlung der Einschaltquote ein Kunststückchen ist, ein Tasschenspielertrick, ein Aufspielen von Annahmen und mathematischen Wahrscheinlichkeiten (egal wie hoch sie sind) zu Wirklichkeiten. Und es führt dazu, dass manch ein Zuschauer glaubt, er könnte mit seinem Fernsehverhalten Einfluss auf die Quote nehmen, was schlicht und ergreifend ein Märchen ist.

Es gibt auch Glaubenskriege in dieser Religion. Die Unversöhnlichkeit, mit der sich derzeit zum Beispiel die beiden Lager in der Frage der globalen Erwärmung gegenüberstehen erinnert durchaus an die Uneinigkeiten von Katholiken und Protestanten, denn auch in diesem Grabenkrieg behaupten beide Parteien, unwiderlegbare Beweise (das Gottesäquivalent ihrer Religion) auf ihrer Seite zu haben.

Ein oft vorgebrachtes und berechtigtes Argument aller Religionskritik ist die Tatsache, Religion sei oft Auslöser von Kriegen, Hexenverbrennungen und Massakern. Das sehe ich nicht ganz so. Religion lässt sich sehr gut für Kriege, Hexenverbrennungen und Massaker missbrauchen. Gläubige sind immer autoritätshöriger und leichter instrumentalisierbar als Zweifler. Aber auch darauf hat Religion kein Monopol. Haben nicht Wissenschaftler selbst in einem vielzitierten Experiment bewiesen, dass Menschen bereit dazu waren, anderen Menschen einen tödlichen Stromstoß zu versetzen, wenn sie von einem Mann im weißen Kittel dazu angehalten worden sind? Wenn wir nicht mehr im Namen Gottes oder Allahs in die Schlacht ziehen, dann eben im Namen der Demokratie, der Sicherung des Wirtschaftsstandortes, der Ökonomie, des Fortschritts, des Tierschutzes oder um die Menschheit endlich von den gefährlichen Gläubigen zu befreien, die die Wurzel allen Ãœbels sind.

Der in den USA sehr erfolgreiche Film Religulous ist ein gutes Beispiel dafür: Zunächst demontiert der amerikanische Komiker Bill Maher zahlreiche versponnene Propheten und extremistische Missionare, dass es eine Freude ist. Doch auf der Zielgeraden wird der Film düster und pathetisch, und in einer Montagesequenz von Atompilzen und Feuerstürmen präsentiert er sehr unmissverständlich seine Botschaft: Jede Religion hat ihre Version des Armageddon. Folglich haben religiöse Menschen keine Angst vor dem Weltuntergang und werden, wenn es ihrer Meinung nach darauf ankommt, nicht zögern, die ganze Menschheit auszuradieren, um ihren Glaubenskrieg zu gewinnen. Nur wenn von nun an bloß noch Nichtgläubige Menschen in der Politik die Entscheidungen treffen, retten wir die Welt vor dem Atomkrieg.

Wie kann denn nun ein Intelligenz-Fan wie Bill Maher, der den ganzen Film über auf intellektuell und clever macht, und behauptet, ein “Zweifler” zu sein, sich am Ende zu einer derart eindimensionalen und unreflektierten Aussage hinreißen lassen? Müssen offenbar auch die „Skeptiker” einen Teil ihres Hirns lahm legen, wenn sie mit dem Fragen aufhören und mit dem Missionieren beginnen?

An einer anderen Stelle des Films wird erwähnt, dass über 90 % der Mitglieder in der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften Atheisten oder Agnostiker seien. Dieser Fakt wird natürlich nicht ohne einen Subtext präsentiert, der da lautet: „Seht her, alle intelligenten Menschen glauben nicht an Gott.” Wenn aber die Erlangung eines akademischen Grades also gleichbedeutend mit Intelligenz wäre, Intelligenz gleichbedeutend mit Nichtglauben und Nichtglauben Basis politischer Vernunft, wären dann die Wissenschaftler der Frage, ob sie etwas entwickeln sollten nicht ebenso gründlich nachgegangen, wie der Frage, ob sie etwas entwickeln könnten (Ian Malcom lässt grüßen), und hätten wir dann überhaupt eine Atombombe?

Nur ein Wahnsinniger kann einem Schwachsinnigen einen geladenen Revolver in die Hand geben. (Frederic Brown, Die Waffe)

Deswegen erlaube ich mir auch, den Begriff des „Skeptikers”, den die Religionskritik für sich in Anspruch nimmt, auch für all diejenigen zu beantragen, die diesen Skeptikern gegenüber ebenfalls skeptisch sind. Weil ich einfach misstrauisch bleiben möchte, wenn dieselben Jungs, die FCKW als umweltschonendes Mittel eingeführt haben und Atomkraft als saubere Energie bewerben und psychische Erkrankungen mit Elektroschocks behandeln, die so tolle Sachen erfunden haben wie Contergan oder Asbestfassaden, die gerade dazu beitragen, lebenswichtigen Getreidesorten ihre Reproduktionsfähigkeit wegzumanipulieren, mir jetzt erzählen wollen, gegen welche Krankheiten ich mich zu impfen habe, dass es ungefährlich ist, in der Nähe von Mobilfunksendemasten zu wohnen und dass der Glaube an Gott ein evolutionsgeschichtlicher Atavismus sei. Das lasse ich als These gerne gelten, aber dasselbe erlaube ich mir bezüglich Steiners detaillierten Beschreibungen des Astral- und Ätherleibes.

Es ist doch auch bezeichnend, wenn die Wissenschaft deutlich herausstellt, wie sehr unsere eigenen Wahrnehmungsapparate unsere Rezeption von Realität beeinflussen, (was Denker wie etwa Baudrilliard zum Anlass nehmen, der Menschheit zu attestieren, dass sie in der modernen Welt den Kontakt zur Realität gänzlich verloren hat) und genau das als Gratisbegründung dafür verwendet, alles in Zweifel zu ziehen, was sie bisher nicht erklären konnte um damit ihren eigenen Absolutheitsanspruch zu untermauern. Würde jemand eines Tages Russels Teekanne wahrhaftig im Weltall erspähen, dann wird die Wissenschaft ihm eine Sinnestäuschung, Autosuggestion, verzerrte Erinnerung oder einen epileptischer Anfall unterstellen. Damit mag sie im Einzelfall recht haben, doch auch wenn ich mit dem Einzelnachweis gegebenenfalls einverstanden bin, mit der Generalunterstellung kann ich nichts anfangen.

Ich möchte mich auch weiterhin weigern, in irgendwelche Lobenshymnen einzustimmen, auch wenn es die auf die Wissenschaft als die „großartigste Errungenschaft menschlicher Zivilisation” ist. Als wäre sie zu Beginn der Neuzeit mit einem Knall über uns hereingebrochen, und hätte uns schlagartig aus den finsteren Zeiten des Glaubens herauskatapultiert, als könnte sie nur gegen ihn und nicht mit ihm existieren. Dabei waren im Mittelalter ausgerechnet Klöster nicht nur ein Ort der Literatität sondern auch des wissenschaftlichen Fortschritts. Und auch eine gotische Kathedrale lässt sich nicht ohne ein sehr weltliches Wissen über funktionierende Statik errichten.

Der Bericht über die hohe Fehlerquote von Augenzeugenberichten hat auch mich erschrocken, und auch ich bin froh über die moderne Methode des DNA-Tests (auch wenn dessen absoluter Gültigkeitsanspruch mir auch wieder einen kleinen Schauer über den Rücken jagt) – doch der wesentliche Moment in der Geschichte, die in 60 Minutes erzählt wurde, den jeder Drehbuchautor als den wichtigsten Wendepunkt der Story identifizieren würde, hat nichts mit Wissenschaft, sondern mit der menschlichen Fähigkeit der Gnade und der Vergebung zu tun und findet ausgerechnet in einer Kirche statt, als wollte uns der göttliche Marionettenspieler noch einmal subtil darauf hinweisen: Die Wissenschaft mag einen schrecklichen Irrtum aufgeklärt haben, doch dass aus diesem Irrtum etwas gutes erwachsen konnte (eine in gemeinsamen Engagement vereinte Freundschaft) ist wohl eher den religiös begründeten Werten der Protagonisten zu verdanken.

Haben sich die Propheten des Atheismus gut überlegt, was sie da zu zerschlagen ausgezogen sind? Wieviel Gutes und Wichtiges mit den fallenden Altären zugrunde ginge? Welche Alternative haben sie uns zu bieten? Welchen Trost den Trauernden? Welchen Zuspruch und Mut den Verzweifelten? Welchen Stoff den Poeten? Und welchen Ausweg, wenn sie sich doch irren und uns in eine finstere Periode der Gottlosigkeit herabstoßen? Und werden sie die bittere Pille schlucken können, dass es auch nach dem Fall Allahs weiterhin Selbstmordattentäter geben wird?

Nicht ohne Schmunzeln stelle ich fest, dass sich die Nichtgläubigen inzwischen sogar immer mehr als Gruppe formieren, eine Lobby einfordern und von Obama in einem Atemzug mit den Christen, Juden und Moslems Amerikas genannt wurden. Das hat seine Berechtigung, unterstreicht aber eigentlich noch einmal, dass es auch bei ihnen darum geht, woran sie (nicht) glauben. Trotzdem muss ich an good old Reinhard Mey denken:

Und seit jenem Tag gehöre ich nicht mehr zur Norm, denn ich trage jetzt die Nonkonformistenuniform.

Wenn ich mir das Gebaren ansehe, dass manche Verkünder der reinen naturwissenschaftlichen Lehre an den Tag legen, dann glaube ich, sind wir nicht mehr weit von dem Tag entfernt, an dem Witze über Atheismus politisch genauso unkorrekt sind, wie Popetown, Judenwitze und Mohamed-Karrikaturen.

Was das angeht: Auch wenn ich weder getauft bin noch irgendeiner Kirche angehöre, und auch vergessen habe, wie man seinen Namen tanzt, würde ich mich als eine Art zweifelnden aber im Grunde gläubigen Christen und Hobby-Anthroposophen mit Sympathie für den Pantheismus bezeichnen, der im Augenblick nicht weiß, ob er sich lieber zum Gnostiker oder zum Agnostiker entwickeln soll. Trotzdem, nein, gerade deswegen habe ich dennoch meine größte Freude an den „Guru” T-Shirts mit dem Steiner-Konterfei (deren Funktion als Instrument anthroposophischer Selbstironie an den Waldorfkritikern scheinbar komplett vorbei geht), an Monty Python Filmen, den Programmen von Josef Hader oder der Comicserie Preacher. Woran ich aber keine Freude habe, ist das Gefühl, mich in gewissen Kreisen ständig dafür rechtfertigen oder erklären zu müssen, warum ich mir überhaupt vorstellen kann, dass es so etwas wie eine unsterbliche Seele geben könnte, und mir ein Unverständnis entgegenschlägt, als hätte ich gerade den Holocaust geleugnet.

Sobald ich dieses Gefühl los bin, bin ich auch bereit dazu, von den Erlebnissen und Erfahrungen zu sprechen, die zu meiner Ãœberzeugung von Manchem und meiner Offenheit gegenüber noch so Einigem geführt haben, und bin ebenso bereit dazu, mich vielleicht eines Besseren belehren zu lassen, so wie ich durchaus bereit wäre, mich von James Randi davon überzeugen zu lassen, dass Wünschelruten echt nur Bullshit sind. Aber so lange ich mich vor der Inquisition des Materialismus zu verantworten habe, so lange ist meine trotzige Antwort nur die: „Ich werde der Ketzerei nicht abschwören!”

Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen. (Rudolf Steiner)

Und wenn jemand aus dem Unterholz bricht und die allein seligmachende Weisheit verspricht – Füchschen, glaub ihm nicht. Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt – Füchschen: Glaub mir nicht. (Reinhard Mey)

25 comments

  1. Na endlich ist hier Leben in der Bude!

    Warte nur bis ich abgedreht bin. Dann werde ich dir – in aller kollegialen Freundschaft, versteht sich – noch längere Polemiken um die Ohren hauen, dass es nur so rauscht!

    Cabuflé, April 11, 2009
  2. Kritik an Dawkins:

    “Wenn Dawkins fragt, “Warum sollte jemand im Namen eines nicht vorhandenen Glaubens in den Krieg ziehen?”, liegt die Antwort auf der Hand: Weil die anderen glauben, weil er, wie Dawkins, davon überzeugt ist, daß alle ohne Religion besser dran wären. Oder eben weil dieser jemand überzeugt ist, die Argumente der anderen wären verkehrt.”

    http://www.classless.org/2009/04/10/richard-dawkins-der-gotteswahn-1

    nonono, April 11, 2009
  3. Dann mal noch ein paar unsortierte Thesen und Gedanken von mir dazu:

    Moores Gedanken zu Magie würde ich in einem poetischen, metaphorischen Sinne vollkommen zustimmen.
    Seine Interpretation der Neurobiologie sagt mir weniger zu. Die Theorie, das Bewusstsein sei ein Effekt der materiellen Welt, impliziert doch umso mehr, dass es das Bewusstsein gibt.
    Und zumindest in meinen Augen wird es dadurch kein Stück weniger faszinierend.

    ***

    Ich kann nicht einsehen, inwiefern die hungernden und leidenden dieser Welt Opfer des wissenschaftlichen Fortschritts sind.
    Das Problem sind doch vielmehr perverse wirtschaftliche und politische Zusammenhänge, die den Großteil der Weltbevölkerung von der Teilhabe an den Früchten des Fortschritts ausschließen.

    ***

    “Auch Dawkins wird doch nicht ernsthaft bestreiten wollen, dass die Frage nach der Religion eines Menschen weitaus persönlicher und mit weitaus mehr Privatem verknüpft ist, als die nach seiner politischen Ãœberzeugung.”
    Nun, Dawkins zumindest bestreitet dies ununterbrochen.
    Ich denke, es ist offensichtlich, dass die meisten religiösen Menschen die Frage nach der Religion als persönlicher empfinden. Ob sie dies zurecht tun, ist eine spannende und wichtige Frage. Dawkins’ Antwort darauf ist Nein, und ich bin tendenziell geneigt, ihm zuzustimmen.

    Vielleicht sind politische Ãœberzeugungen nicht das ideale Beispiel. Subjektiv würde ich Kunst und Kultur dafür herhalten lassen:
    Es gibt Filme, Musikstücke, Bücher, mit denen ich Emotionen und Ideen verbinde, die ich als gleichwertig mit religiösen Gefühlen betrachten würde. Die ignoranten Mitklatscher auf einem Tocotronic-Konzert beispielsweise stören eine in meinen Augen wortwörtlich heilige Zeremonie.
    Gleichzeitig bin ich mir bewusst darüber, dass eben nur ich und eine Hand voll Anderer Irrer diese Heiligkeit so empfinden, und ich muss akzeptieren, dass es Leute gibt, die Tocotronic nicht nur scheiße finden, sondern auch noch dem personifizierten Satan (in diesem Fall die Sportfreunde Stiller) huldigen. Und ich müsste sogar akzeptieren, wenn du in deiner Antwort diese emotionale Haltung meinerseits herabwürdigen solltest, indem du sie für eben doch nicht vergleichbar mit religiösem Glauben hälst.

    ***

    “Würde jemand eines Tages Russels Teekanne wahrhaftig im Weltall erspähen, dann wird die Wissenschaft ihm eine Sinnestäuschung, Autosuggestion, verzerrte Erinnerung oder einen epileptischer Anfall unterstellen.”
    Hmmmnja… Wenn sich jemand hinstellen sollte und einfach sagen “Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gibt, welche auf einer elliptischen Bahn um die Sonne kreist.” würde “die Wissenschaft” vermutlich ungefähr so reagieren. Und ich wage zu behaupten: Du auch!
    Würde allerdings jemand ein Teleskop hervorholen, dessen Funktionsweise klar und nachvollziehbar erklären, es auf einen von ihm berechneten Punkt am Himmel richten, an dem ein jeder, der hindurchschaut eine Teekanne erkennen kann, würde der Entdecker gefeiert und mit Preisen überhäuft.

    Das und nur das ist der Unterschied zwischen esoterischem Glaube und wissenschaftlichen Annahmen. Ich erlaube mir Tim Minchin zu zitieren:
    “Science adjusts its views based on what’s observed/ Faith is the denial of observation, so that believe can be preserved!”

    ***

    Möglicher Titel für meinen nächsten längeren Beitrag hier:

    Atheismus ist meine Religion

    Cabuflé, April 11, 2009
  4. Natürlich mache ich den wissenschaftlichen Fortschritt nicht allein verantwortlich für die ungerechten Zustände auf der Welt. Aber seine Ausnutzung ist so eng mit dem Entstehen dieser perversen Zustände verknüpft, dass für mich jede Lobpreisung dieses Fortschritts einen schalen Beigeschmack bekommt.

    ***

    Zu Dawkins muss ich leider sagen: Je mehr ich über ihn erfahre, um so unsympathischer wird mir der Kerl. Wenn die oben verlinkte Kritik an seinem Buch zutreffend ist, und der Mann sich zu derart einseitigen, unreflektierten soziologischen Thesen versteigt, welchen Wert haben denn dann noch seine Argumente gegen einen Gott?

    Dein Beispiel mit der Kunst ist sehr gut. Hier teile ich Deinen Standpunkt (nicht im Bezug auf die genannten Bands, sondern auf die emotionale Komponente). Wenn ich mich nun hinstellen würde, und sagen würde, dass ich die ultimative, objektive Kunsttheorie mein Eigen nenne, und diese Theorie unzweifelhaft besagt, dass die Sportfreunde Stiller Kunst sind, und Tocotronic primitiver Mist, der durch Mitklatschen nur besser werden kann, und diese Aussage nicht als meinen Musikgeschmack sondern als das Allheilmittel für die Menschheit verkaufe, was wäre Deine Reaktion?

    Ich jedenfalls bezweifle mehr und mehr, dass jemand wie Dawkins mit so einer Haltung die Menschheit weiter bringt.

    ***

    Wenn aber nun jemand die Teekanne gesehen hat, kannst Du ihm nicht “denial of observation” vorwerfen. Wenn Du seine Beobachtung nicht akzeptieren kannst, bleiben Dir nur zwei Möglichkeiten: a) der Typ ist ein Lügner. b) der Typ hat sie sich eingebildet. Also weist man ihm entweder nach, dass er lügt, oder findet eine Erklärung dafür, woher diese Einbildung kommt.
    Das ist die Haltung von GWUP: Denial of different observation.

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    Den Titel fände ich gut.

    Sims Alabim, April 12, 2009
  5. Zu Dawkins: Die verlinkte Kritik ist zumindest nicht ganz haltlos, aber doch sehr oberflächlich.
    Dawkins wendet sich vor allem gegen jene Agnostiker, die aus der letztlichen Unwiderlegbarkeit Gottes schließen, die Chancen seiner Existenz oder Nicht-Existenz stünden 50:50.

    An anderer Stelle bezeichnet er sich selbst als “Agnostiker mit starker Tendenz zum Atheismus”.

    Ich will an dieser Stelle aber nicht verschweigen, dass “The God Delusion” – das ich gerne gelesen habe und prinzipiell jedem empfehlen würde – auch in meinen Augen stellenweise etwas grobschlächtig (im Sinne von “unpräzise”, nicht von “aggressiv”!) geraten ist.

    ***

    Wenn du die bewusste “objektive Kunsttheorie” zu Gunsten der Sportfreunde Stiller für dich in Anspruch nähmest, wärst du im Sinne meiner Analogie ja kein Atheist sondern fundamentalistischer Anhänger einer anderen Religionsgemeinschaft.

    Wenn du allerdings feststellen würdest, dass das was ich an Tocotronic finde, Produkt meiner Sozialisation und der Erinnerungen, die ich mit ihren Songs verbinde ist, dass also meine Verehrung für diese Band nicht bedeutet, dass ihre Songs irgendetwas “Heiliges” an sich besitzen, dass ich also gerne in ihrer Musik schwelgen darf, aber bitteschön nicht behaupten soll, sie hätte irgendeine Bedeutung für den großen Lauf der Welt neben dem, was sie in den Köpfen ihrer Hörer auslöst…
    - dann würde ich beleidigt vor mich hingrummeln, dass die Sportfreunde Stiller dennoch Personifikation des Bösen und der Untergang der Zivilisation sind, müsste dir aber letztlich vollkommen Recht geben.

    Es bestreitet ja keiner der Fürsprecher des “Neuen Atheismus”, dass Religion im Stande ist, Menschen Trost zu spenden, dass einige religiöse Texte wichtige moralische Botschaften enthalten, dass religöse Kunst wunderbare ästhetische und emotionale Erfahrungen bewirken kann (vergl. Dawkins über ein Stück aus Bachs Matthäuspassion).
    Sie bezweifeln lediglich, dass dies ein Hinweis auf die tatsächliche Existenz eines Gottes sein kann.

    ***

    Willst du ernsthaft behaupten, dass du jemandem, der eine schwebende Teekanne im Weltraum gesehen haben will (oder das Gleis 9 3/4 in der Pancras Station oder eine sprechende Eidechse, die ChickenMcNuggets scheißt), dafür aber keinerlei Belege hat, nicht eine Lüge oder einen Irrtum unterstellen würdest?

    Und ja, tatsächlich bedeutet die wissenschaftliche Methode gewissermaßen die “Leugnung unterschiedlicher Beobachtungen”:
    Von zwei einander widersprechenden Beobachtungen kann höchstens eine richtig sein, und wenn der Gegenstand der Beobachtung von irgendeiner Wichtigkeit ist, sollte es im Interesse aller Beteiligten sein, herauszufinden, welche der beiden Versionen der Wahrheit näher kommt.

    Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass es keine objektive Wahrheit gibt und alle irgendwie recht haben. In diesem Moment erübrigt sich allerdings jede weitere Diskussion über richtig und falsch.

    Cabuflé, April 13, 2009
  6. Was wäre dann aber ein Atheist in Deiner Analogie?

    Jemand, der generell alle Menschen belächelt, die für irgendeine Art von Musik Begeisterung empfinden, weil er weiß, dass Musik in Wirklichkeit nur ein billiges Instrumentarium ist, um Emotionen zu steuern?

    Und was wäre Dawkins? Einer, der daraus den Schluss zieht, dass alle Menschen besser dran wären, wenn sie gar keine Musik hören würden und einen Feldzug gegen Konzerte, Plattenlabels und MTV startet.

    ***

    Für Teekannen und magische Eidechsen hast Du natürlich recht. Aber um von den Analogien wieder zu etwas Konkretem zu kommen: Steiners Beschreibungen von Astral- Äther- und Seelenleib des Menschen kommen mir nicht so vor, als müsste ich ihnen Lüge oder Sinnestäuschung unterstellen (auch wenn ich Beides nicht ausschließen kann).

    Es gibt in dem Sinne auch keine Beobachtungen, die dieser widersprechen könnten, weil ich persönlich noch keine “übersinnlichen” Wahrnehmungen gemacht habe.
    Es gibt aber Beobachtungen des täglichen Lebens, die mit Steiners übersinnlichen Theorien in Einklang zu bringen sind. Sie müssen deswegen nicht als Beweise gelten, aber sie schaffen Vertrauen.

    Und meiner Meinung nach bewegt sich GWUP im weiten Mittelfeld zwischen absolutem Baloney (der Teekanne) und dem Unnachweisbaren (Gott, Jenseits) und in diesem Mittelfeld gibt es durchaus sich widersprechende Beobachtungen.

    Aber wie gesagt: Ich habe bereits das Eingeständnis gemacht, dass ich in diesem Mittelfeld zu sehr subjektiv gefärbten Urteilen neige.

    Sims Alabim, April 13, 2009
  7. PS: Ich will mich auch gar nicht auf den Standpunkt stellen, dass alle irgendwie recht haben. Im Gegenteil. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass alle irgendwie unrecht haben, weil absolute Objektivität ein Ding der Unmöglichkeit ist, außer vielleicht in der Mathematik. Deswegen glaube ich, dass alle sich darum bemühen sollten, ihren Standpunkt in Frage zu stellen, um Stück für Stück gemeinsam der Wahrheit nahe zu kommen. Und deswegen wettere ich gegegen jene Atheisten, die glauben, die Wahrheit bereits für sich gepachtet zu haben, weil sie an die Alleinherrschaft der Wissenschaft glauben.

    Sims Alabim, April 13, 2009
  8. Was ein Atheist im Sinne meiner Analogoie ist, habe ich doch im letzten Kommentar zu erklären versucht:
    Jemand, der die ästhetisch-emotionale Erfahrung des Musikgenusses durchaus schätzt (wie auch kein ernstzunehmender Atheist das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz oder Spiritualität in leugnet), dabei aber nicht behauptet, aus dieser subjektiven Erfahrung ließe sich eine objektive Qualität der Musik ableiten, die über akustische Frequenzen und deren Verarbeitung im menschlichen Wahrnehmungsapperat hinausgeht.

    ***

    “Ich stehe auf dem Standpunkt, dass alle irgendwie unrecht haben, weil absolute Objektivität ein Ding der Unmöglichkeit ist, außer vielleicht in der Mathematik. Deswegen glaube ich, dass alle sich darum bemühen sollten, ihren Standpunkt in Frage zu stellen, um Stück für Stück gemeinsam der Wahrheit nahe zu kommen.”

    Wunderbar. Besser hätte ich das erkenntnistheoretische Prinzip der Wissenschaft nicht formulieren können.

    Cabuflé, April 13, 2009
  9. 2 Dinge:
    1. Vorausgesetzt man verfügt über entsprechende Ressourcen, kann man wiss. Erkentnisse und Experimente bzw. Theorien nachvollziehen, damit arbeiten oder sie nachmachen/wiederholen z.B. die kontr. Kettenreaktion in einem AKW. Bei den höheren Erkenntnissen Steiners ist das m.W. noch niemand gelungen. Wissenschaftliche Theorien lassen sich Falsifizieren, weil sie auf diese Möglichkeit ausgelegt und nachprüfbar sind. Bei Steiners okkulten Schauungen ist das mangels Nachprüfbarkeit nicht möglich. Wenngleich einiges in der WS die ja auf seinen Theorien fußt längst als widerlegt anzusehen ist (Jahrgangsstufenprinzip, Jahrsiebte, Temperamente und anderes mehr). Vielleicht liegt ja in der mangelnden Nachprüfbarkeit Steiners Thesen auch die mangelnde Entwicklungsfähigkeit vieler WS. Die Entwicklung erfolgt lediglich auf íußeren Zwang, wenn es nicht mehr anders geht.
    2. Von einem Ex-WS erwarte ich, dass er weiss, was zur WS-Zeit gehört. Die WS-Zeit ist nach 12 Jahren um, das Abitur gehört nicht dazu!!! Die WS bereitet nicht auf das Abitur vor! Das Abitur wird an die WS-Zeit in der 13. Klasse angehängt. Diese Klasse hat aber mit der WS nur noch in so weit zu tun, als Räume und Personal bereitgestellt werden. Der Unterricht ist ein anderer, ganz genau auf die Abiturthemen zugeschnitten, da es einiges nachzuholen gilt. Das Abitur ist auch nur in einem schmalen Rahmen mögl. d.h. man hat nur ganz geringe Wahlmöglichkeiten was die Fächer angeht. Ohne das Abiturangebot hätte die WS m.M. kaum Schüler, da die Klientel der WS darauf doch schon erheblichen Wert legt. Nicht ohne Grund sähen die WS gerne das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung abgeschafft. So wären sie nicht mehr gezwungen es anzubieten, sparten Geld und die Kunden kämen trotzdem. Ãœbrigens bekommt lt. Absolventenstudie (Barz, Randoll et al.) so gut wie jeder 2. Schüler Nachhilfe, damit es auch mit dem Abitur klappt. Da stellt sich dann schon die Frage nach der Methodik und ob da nicht andere bessere Konzepte anbieten – ganz ohne okkulte Schauungen, womöglich auf wiss. Basis!?

    CAS, August 15, 2009
  10. Ein paar Worte zu Punkt 2. (Auf Punkt 1. zu antworten, hieße, das oben geschriebene noch einmal zu wiederholen):

    Es ist richtig, das Abiturjahr ist eine reine Prüfungsvorbereitung, in der uns Waldorfschülern beigebracht wird, was vorher nicht Teil des Schulkonzeptes war: Vorgekautes Wissen unhinterfragt zu schlucken und bewertungseinheitengerecht wieder auszukotzen. (Ich zitiere hier frei meinen kleinen Bruder, der das Abi gerade hinter sich hat). Es wird nur noch Prüfungsstoff gelernt (der sich übrigens seit über 10 Jahren um keinen Deut verändert hat), es wird nicht mehr gehäkelt, Theater gespielt und Namen getanzt, und man hat das Abi unter härteren Bedingungen zu bestehen, als der Rest der Menschheit, weil man keine Fächer vorher ablegen und nur in Glücksfällen überhaupt zwischen zwei verschiedenen Leistungskursen wählen kann.

    Trotzdem stimmt die Aussage nicht, die Waldorfschule würde nicht auf das Abitur vorbereiten. Das würde ja bedeuten, sämtliche Grundlagen in Mathematik, in Sprachen, in Geographie, in Geschichte oder in der Literatur, die man in den 12 Waldi-Jahren gelernt hat, ließen sich auf das Abitur nicht anwenden. Der Unterschied liegt eher darin, dass man diesen Wissen auf einmal nicht mehr um seiner selbst Willen lernt, sondern um damit nach ganz bestimmten, ungeheuer limitierten Vorgaben Punkte zu machen.

    Okkulte Schauungen und Absolventenstudien hin oder her: Ich finde, es ist eher an der Zeit, das Abitur durch ein besseres Konzept zu ersetzen, nicht die Waldorfschule.

    Sims Alabim, August 16, 2009
  11. Nachtrag
    Was die Verlegung der Straßenführung (wenn ich richtig erinnere, wg. eines großen Steins, dem angeblich Naturgeister innewohnen) in Island anbelangt: schon einmal die Möglichkeit gedacht, es handelte sich nur um einen PR-Schachzug aus Tourismusgründen? Ganz rational kalkuliert um Interesse zu wecken, vorallem bei denen, die dafür “anfällig” sind?

    CAS, August 16, 2009
  12. Zu Kommentar 10 muss ich doch noch etwas erwidern.
    Wenn man schon sämtliche Grundlagen der Waldizeit als Abiturvorbereitung gelten läßt, dann bereitet auch die Grundschule auf das Abitur vor, schließlich werden dort die Grundlagen gelegt.
    Sicher kann man für das Abitur auch auf das ein oder andere gelernte zurückgreifen insbesondere z.B. bei Fremdsprachen (obwohl sich der Zeitvorteil eines längeren Fremdsprachenunterrichtes den die WS hat nicht bemerkbar macht). Bei Mathe, Geschichte und Deutsch kann ich das schon nur mehr sehr eingeschränkt gelten lassen, da hier erst in der 13. Klasse der Stoff kommt, der im Abitur relevant ist. Von Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie), Musik, Kunst, Religion, Gemeinschaftskunde kann man das höchstens im Ansatz behaupten hier fehlen schon Grundlagen, so dass – wollte man eines dieser Fächer als Abitur LK Prüfungsfach wählen (was in Absprache sicher möglich ist) so gut wie keine Grundlagen vorhanden sind. Diese Grundlagen werden aber z.B. an einem Gymnasium vermittelt und man muss sie lernen, auch wenn man sie später als Fächer für das Abitur abwählt. Von daher stimmt die Behauptung das Abitur an der WS sei schwerer, weil man keine Fächer abwählen kann nicht. Man kann die Fächer ja nicht abwählen, weil sie schlicht nicht das Niveau erfüllten, um für das Abitur darauf aufzubauen. Insofern ist das Abitur an einer WS sogar leichter, da bis zum Abitur an einem Gymnasium mehr Leistung was Stoffbewältigung anbelangt erbracht werden muss und in jedem Fach müssen ja die Noten für eine Versetzung stimmen. An der WS wird von vorneherein ein Großteil des Stoffes ausgeklammert, so dass man dann später eben auch keine großen Wahlmöglichkeiten hat (na ja, wir konnten immerhin zwischen Mathe und Deutsch als LK wählen). Gut, wem keines der Fächer liegt, der schneidet halt nicht so gut ab, als könnte er nach seinen Interessen wählen.
    Prinzipiell ist das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung bzw. als Prüfungsinstrument nicht schlecht. Allerdings hat die Regelung LK/GK das ganze insofern verwässert, als dass man sich nach Interessenlage Fächer für das Abi raussuchen kann die einem liegen. Um ein wirklich vergleichbares Instrument zu haben, sollte man doch wie früher einen fest vorgegebenen Fächerkanon prüfen, den alle erfüllen müssen ohne GK/LK. Man könnte z.B. festlegen, dass die Fächer Deutsch, Englisch, Mathe, Biologie, Geschichte und Gemeinschaftskunde für alle Abiturienten zu erfüllen sind (meinetwegen auch andere und/oder mehr Fächer). Für diese Fächer müssen alle die gleichen Fragen oder was auch immer beantworten. Damit wäre auch eine gewisse Gerechtigkeit zwischen den Bundesländern hergestellt.
    Zusätzlich oder statt Abitur kann man auch an den Hochschulen eigene Prüfungen für die jeweiligen Studiengänge durchführen. Dann sehe ich in den Naturwissenschaften allerdings für Waldis schlechte Zeiten anbrechen.
    Dass man Wissen an der WS um seiner selbst Willen lernt kann nicht ernst gemeint sein. Man lernt dort wie an einer Regelschule vorgegebene Themen – allerdings andere.
    Ich hätte nie Eurythmie um ihrer selbst willen gemacht, wäre ich nicht gezwungen gewesen. Gleiches gilt für Eschenbachs Parzival usw. man hätte die Zeit sinnvoller nutzen können.

    CAS, August 17, 2009
  13. Irgendwie gehört das alles eigentlich zu einem anderen Beitrag, aber egal:

    Das Abitur an der Waldorfschule ist insofern härter, als dass man sämtliche Abiturnoten innerhalb des letzten Jahres absolvieren muss, und nicht Teile des Stoffes bereits vorher loswerden und sich auf der Zielgeraden auf die Leistungs- und Grundkurse konzentrieren kann.

    Wenn Du jetzt sagst, eigentlich sei es an einer staatlichen Schule schwerer, weil man dort schon Jahre vorher “Abiturstoff” lernen muss, und das Weiterkommen schon in früheren Klassen von der Note abhängt, hast Du natürlich recht. Aber genau das gehört wesentlich zum Prinzip einer Waldorfschule: Die Möglichkeit, mindestens 12 Jahre lang im Klassenverband zu bleiben und Stoff zu lernen, der jeweils altersgemäß ist (zumindest nach der Lehre der Anthroposophie), und nicht schon mit Beginn der ersten Schuljahre dem Selektionsprinzip unterzogen zu werden. An diesem Prinzip, das ich schon einmal für grundverkehrt halte, scheinst Du ja eine gewisse Berechtigung zu sehen, und deswegen werden wir uns bei diesem ganzen Thema auch nicht einig werden.

    Entschuldige, wenn ich persönlich werde, aber Aussagen wie “der Zeitvorteil eines längeren Fremdsprachenunterrichtes macht sich nicht bemerkbar” sind für mich Pauschalisierungen eines frustrierten Ex-Waldis, der dort nicht zurechtkam und lieber auf einer anderen Schule gewesen wäre. Ich habe das Abitur ebenfalls auf einer Waldorfschule gemacht und hatte andere Erfahrungen. Abgesehen vom “Faust” haben auch wir die tatsächlich abiturrelevante Lektüre in Deusch auch erst im letzten Jahr gelesen, okay. Aber es war beileibe nicht so, als hätten wir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal ein Buch in der Hand gehabt und Worte wie “Versmaß” oder “auktorialer Erzähler” nicht zuvor schon gehört.
    Diese Herabwürdigung des Waldorfunterrichtes, nur weil darin nicht die beschränkten Abiturthemen behandelt werden, geht mir ein wenig auf den Geist. Ich bin froh, dass wir in Biologie mehr gelernt haben, als den Pipifax aus dem grünen Daumer/Meyer-Lehrbuch, das ich dieses Jahr ohne Zusätze, Erweiterungen oder die Einbindung neuerer Forschungsergebnisse in den Händen meines Bruders 10 Jahre nach meinem Abi wiedergesehen habe.

    Die Möglichkeit, Leistungskurse zu wählen, also seine Hochschulreife auf einem persönlichen Interessensgebiet, das aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Wahl des Studienfaches korrelieren wird, unter Beweis zu stellen, in meinen Augen eines der wenigen Fairnisse des Abiturs, bezeichnest Du als “Verwässerung” und forderst noch mehr Gleichschaltung der Anforderungen. Gleichzeitig beschwerst Du Dich darüber, Eschenbachs Parzival und Eurythmieunterricht aufgedrückt bekommen zu haben, wofür Du Dich freiwillig nicht entschieden hättest. Wenn es jetzt aber dem Ministerium einfallen würde, Parzival auf die Lektüreliste für das Deutsch-Abi zu setzen, müsstest Du es demnach dann nicht als sinnvolle Zeit ansehen, Dich mit diesem Epos beschäftigen zu müssen?

    Natürlich hat auch der Waldorfunterricht vorgegebene Inhalte. Diese Inhalte dienen aber nicht nur dem Zweck, sie nach 13 Jahren Schulzeit ein letztes Mal widergekäut auszuspeien, sondern sind darauf ausgelegt, was Kindern und Jugendlichen in gewissen Entwicklungsphasen zuträglich sein könnte. Jetzt kann man darüber streiten, wie glaubwürdig die Quelle dieses Modells ist, aber einen entscheidenden Unterschied muss man doch feststellen: Ein Waldorfschüler, der die ganze Schulzeit über in Eurythmie versagt, weil es ihm überhaupt keine Freude macht, wird dennoch dadurch nicht daran gehindert, sein Abitur zu machen. Ein Regelschüler, der mit der Mathematik auf dem Kriegsfuß steht, wird es da erheblich schwerer haben.

    Das Prüfungssystem, das Du propagierst, hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Gleichmacherei. Und wenn in den Naturwissenschaften eines Tages nur noch die Heinis herumpfuschen, die in der Schule nichts anderes gelernt haben, als Vorgaben zu akzeptieren und Fleißpunkte zu sammeln, anstatt Neugier zu entwickeln und Althergebrachtes in Frage zu stellen, sehe ich allerdings auch schlechte Zeiten anbrechen – und zwar nicht nur für Waldis.

    Sims Alabim, August 18, 2009
  14. In der Tat gehört das hier eigentlich nicht hin (wg. mir kann es auch verschoben werden) und ich will hier nicht als Troll gelten aber Herr Alabim hat damit angefangen, indem er behauptete, die WS bereiteten auf das Abitur vor – ohne Notendruck – was aber nach dem eigenen Verständnis der WS falsch ist.
    Ich wiederhole mich: das Abitur ist ein Fremdkörper in der WS-Zeit und am liebsten sähen es die Funktionäre abgeschafft bzw. den WS-Abschluss als Zugangsberechtigung an den Hochschulen zugelassen. Das Abitur wird nur gezwungenermaßen angeboten, da sonst die Kunden ausblieben.
    An keiner Stelle schreibe ich, dass ich eine frühe Selektion guthieße – das Gegenteil ist der Fall. Allerdings bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die WS grundständig reformiert gehört. Anspruch und Wirklichkeit klaffen seit Jahrzehnten auseinander. Man könnte sogar konstatieren von Beginn an (die Arbeiterkinder für die Molt die Schule gründete und Steiner beauftragte, verließen nach weniger als 2 Jahren massenweise die Schule, sie sind nie zurückgekehrt – bis heute).
    Was mir hier als “Pauschalisierung” vorgeworfen wird ist das Ergebnis der Waldorfschulabsolventen Studie. Diese umfasst übrigens mehrere Abschlussjahrgänge, über Jahrzehnte verteilt. Obwohl ich nur eine nüchterne Tatsache vorbringe, wird mir vorgeworfen ein frustrierter, nicht zurechtgekommener Ex-Waldi zu sein. Kritik an der Regelschule ist erlaubt, wird doch in dieser zu Konformismus erzogen und Kritik nicht geduldet. Aber an der WS, die sich eigenständiges Denken und Erziehung zur Freiheit auf die Fahne schreibt darf man keine Kritik üben – ist ja alles nur Frust. Wie ich schon angeführt habe, Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.
    Was den Unterrichtsstoff anbelangt, so wird eben auch an der WS der Stoff vorgegeben. Es wird vielfach anders und anderes gelernt aber man erwirbt an der WS nicht das Wissen um seiner selbst willen, das ist ein Trugschluss. Der Unterschied zur Regelschule ist hier lediglich der Inhalt. Das wollte ich klar machen. Mir ist dabei tatsächlich eine rationale Begründung lieber als eine esoterische. Das Eurythmiebeispiel sticht nicht, da Eurythmie weder für das Abitur noch für sonstwas außerhalb der WS bzw. Anthrop. irgendeine Relevanz hat und ein Schüler mit entsprechend starken Matheproblemen am Ende das Abitur nicht bestehen wird, egal ob WS od. Regelschule. Wollte man den Wissenserwerb tatsächlich so gestalten, dass er um seiner selbst Willen erfolgen könnte, dürften keine Vorgaben gemacht werden, lediglich Angebote, aus denen der einzelne auswählen könnte. Damit wären dann auch die Klassenverbände aufgelöst. Der Klassenverband ist eine künstliche Grenze, der die Individuen darin an ihrer Entwicklung behindert. Die Klassenverbände als “Schicksalsgemeinschaft” tragen ebenfalls zum Etikettenschwindel der WS bei, denn Freiheit bedeutet auch diese Grenze aufzuheben und es dem einzelnen zu ermöglichen, wenn er z.B. In Mathe gut ist den Unterricht einer höheren Klasse zu besuchen. Das wäre individuelle Förderung und nicht nur ein Lippenbekenntnis. Es gibt dazu noch viele andere Punkte, die reformiert gehörten aber obwohl die WS die Möglichkeiten hätte, weil sie nicht an die üblichen Lehrpläne gebunden ist, nutzt sie diese Möglichkeiten nicht. Eine Entwicklung findet so gut wie nicht statt, großes Potenzial wird verschenkt und verschwendet, man könnte Zugpferd sein, will es aber nicht, da es Abkehr von Steinerschen Dogmen bedeutete. Einzig das wäre ein Grund für Frust. Ist es für mich jedoch nicht, denn andere trauen sich was in diese Richtung. Zum Einstieg empfehle ich Treibhäuser der Zukunft, ein Film von R. Kahl.
    Was das Abitur angeht, so sehe ich es wirklich als ein legitimes Mittel einer Hochschulzugangsberechtigung und einer Reifeprüfung allerdings nicht in seiner jetzigen Form. Ich bin in diesem Fall tatsächlich für “Gleichmacherei” sprich einheitliche Standards. Das gilt in allen anderen Bereichen auch, ist akzeptiert und bewährt. Wenn ich auf einer Sportveranstaltung 400m laufe, dann gilt für alle Teilnehmer dieser Disziplin diese Strecke. Wer die Strecke in der kürzesten Zeit schafft gewinnt. Es läuft nicht einer nur 350m, der andere 370m ein anderer nur mit Rückenwind usw. Beim Abitur sollen aber nicht die gleichen Voraussetzungen für alle gelten?! Beim Abitur hat das Bundesland X schwerere Anforderungen als Bundesland Y aber bei einem NC-Fach an der Uni zählt nur die erreichte Note für die Aufnahme in dieses Fach. Ein Abiturient aus X erreicht die Note 2,2. Ein Abiturient aus Y erreicht 2,0, was exakt dem NC im gewünschten Fach entspricht. Der aus Y wird im NC-Fach aufgenommen, der aus X abgelehnt weil Abischnitt über NC. In Y hätte der Abiturient aus X aber 1,8 geschafft und wäre so zugelassen worden. Das entspricht der Realität und das finde ich ungerecht. Deshalb bin ich für einheitliche Anforderungen beim Abitur. Ein fest vorgegebener Fächerkanon (meinetwegen 8 Fächer), der Bundesweit gilt und damit vergleichbar ist. Es spricht aber nichts dagegen, diese Anforderungen z.B. im Unterricht zu übertreffen. GK und LK fallen weg, jedes Fach zählt gleich viel. Die GK/LK Regelung, die momentan gilt verwässert das Abitur gerade weil man nach Interessen wählen kann. So hat z.B. Jemand der zweisprachig z.B. Dt./Franz. aufgewachsen ist i.d.R. einen Vorteil ggü. Jemand der sich das alles erarbeiten musste. Wählt erster nun Französisch als LK ist zu erwarten, dass sein Prüfungsergebnis besser ausfällt als bei zweitem. Letzterer ist also im Nachteil. Werden nur wenige Fächer geprüft, fällt das umso stärker ins Gewicht. Das Abitur soll jedoch keine Prüfung über Interessenschwerpunkte sein sondern Zeugnis für das in der Schulzeit erworbene Wissen abgeben. Daher relativiert eine fest vorgegebene Fächerauswahl den einzelnen Vorteil, da es eher unwahrscheinlich ist, dass einem Prüfling alle Fächer gleich liegen. Außerdem sollen in der Schule keine Spezialisierungen für ein späteres Studium erfolgen sondern Grundlagen, möglichst breit angelegt, geschaffen werden. Das spricht gegen LK/GK Prüfungen. Aber selbstverständlich muss ich für das Latinum wissen was der ACI oder Ablativ ist, so wie ich für jede andere Prüfung auch den Stoff beherrschen muss.
    Das Abitur sagt aber selbstverständlich so gut wie nichts über die Persönlichkei dahinter aus.
    Was ich für pauschalisiert halte ist, dass die Regelschule der reinste Horror ist und dort Angst und Schrecken herrschen. Selbständig denken, eigene Urteilskraft ist unmöglich und Kreativität sowie kritisches Hinterfragen gibt es nur auf der WS. Dort wird Wissen um seiner selbst Willen vermittelt und Neugierde geweckt. Obwohl die Voraussetzungen an der WS so günstig sind und es diese Schulform schon seit 90 Jahren und mittlerweile in hunderten Schulen Weltweit gibt, ist mir nicht ein Nobelpreisträger, nicht eine bahnbrechende Erfindung oder Entdeckung aus diese Ecke bekannt. Tja, Anspruch und Wirklichkeit eben.

    CAS, August 19, 2009
  15. Witzigerweise kann ich Deinem letzten Beitrag sogar in weiten Teilen zustimmen. Das Problem von Waldorfschulen ist tatsächlich das teilweise unreflektierte und unflexible Festhalten an annähernd hundert Jahre alten Vorgaben und das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Das ist berechtigte Kritik.

    Und es ist mir selbst auch klar, dass ich polemisiere, wenn ich Regelschulen als reinen Hort des Bösen und Ettiketiermaschinerie für junge Menschen bezeichne.

    Man sollte aber unterscheiden zwischen einer Kritik an der Umsetzung und einer Kritik am Grundgedanken – letzteres habe ich aus Deinen vorherigen Beiträgen herausgelesen, und gegen letzteres wehre ich mich. Auch wenn ich mich in diesem Punkt wiederhole: Ich hatte das Glück, meine Schulzeit auf einer WS zu verbringen, in der die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung von akzeptablem Ausmaß war, und in dem der gelernte Stoff der Waldorfzeit auch im Abitur von Nutzen gewesen ist. Und selbst wenn die Lücke größer wird, ist mir -vom Prinzip her- eine Waldorfpädagogik die etwas unbeholfen zwischen “Brauchtum” und Modernisierung herumstolpert immer noch lieber als ein System, in dem am Ende jeden Jahres Noten über die Zukunft von Menschen entscheiden.

    Bezeichnenderweise hast Du als Beispiel einen Wettlauf gewählt, und das Prinzip eines Wettlaufes ist genau das, was nicht das Prinzip einer Schule sein sollte. Natürlich wäre es innerhalb der Parameter eines Wettlaufes ungerecht, wenn nicht jeder exakt dieselbe Strecke unter denselben Bedingungen zu bewältigen hätte – aber worum geht es denn dabei auch? Es geht darum, zu ermitteln, wer von den (Gott sei Dank freiwilligen!!!) Teilnehmern eine bestimmte Wegstrecke in der besten Geschwindigkeit schafft. Und der wird dann auf ein Treppchen gestellt, weil er schnell laufen kann. Bravo.
    Fair sind die Bedigungen für so eine Veranstaltung auch nur dann, wenn man ausschließlich danach fragt, welche Bedingungen die Läufer auf der Rennbahn vorfinden, und nicht, welche Bedingungen vorgeschaltet sind, um überhaupt bis auf die Rennbahn zu kommen, und wieviele Menschen damit schon ausgeschlossen werden.
    Es ist dieser Gedanke, dass Alle die gleichen Leistungen auf denselben Gebieten zu erfüllen hätten, der in einer Schule meiner Meinung nach wenig zu suchen hat, und der doch so tief sitzt, dass Du, auch wenn Du an anderer Stelle von neuen Ideen für individuelle Förderung sprichst, Dir einen 400-Meter Lauf als Beispiel für faire Bedingungen aussuchst.

    Da ist er wieder, der “Sozialdarwinismus”, an dem ich mich überall stoße. Auch wenn wir uns darum bemühen, Instrumente für Fairness und Chancengleichheit in der Gesellschaft zu etablieren, geht es doch nur immer wieder darum: Wer kann am schnellsten laufen, am weitesten springen und am längsten stehen? Wer gewinnt die Goldmedaille? Wer hat die beste Abinote? Wer hat den angesehendsten Beruf? Wer vedient am meisten Geld? Wer hat das beste Auto? Wer wird Germanys next Topmodel?

    Eine ordentliche Allgemeinbildung sollte tatsächlich für Jedermann da sein, aber gibt es keinen anderen Weg, sie Menschen zu vermitteln, als über die Drohungen mit schlechten Noten und den permanenten Vergleich mit der Leistung anderer? Und gibt es keinen anderen Weg, sie zu sichern, als über Abiturnoten? Jeder Mensch sollte mathematische Kenntnisse vermittelt bekommen haben, aber muss man darstellende Geometrie beherrschen, wenn man Literatur und Geschichte studieren will? Muss man Kafka gelesen haben, um Biologie studieren zu dürfen? Müssen alle Menschen dieselbe 400-Meter Strecke in einer bestimmten Zeit laufen, auch wenn sie unterschiedliche Ziele haben?

    Ja, Anspruch und Wirklichkeit an Waldorfschulen ist ein heißes Thema, und hier liegt viel Potential brach. Teilweise hast Du damit sehr recht, aber teilweise habe ich das Gefühl, dass Du Waldorfschulen auch einen anderen Anspruch unterstellst, als sie eigentlich haben. Es geht dort nicht darum, möglichst viele Nobelpreisträger auszubilden – und der Gedanke der Förderung von individuellen Talenten darf auch nicht wie ein Elitecamp aufgefasst werden, in dem Wunderkinder herangezüchtet werden. Es hat schon seinen Grund, warum auch ein Mathematikgenie weiterhin in seiner Klasse bleibt und dort Eurythmie macht, weil es nämlich auch darum geht, Fähigkeiten zu entwickeln, sie sonst brach liegen würden. Allerdings weil sie dem Menschen gut tun, nicht weil er sie für seinen Beruf braucht. Deswegen sollten sie auch später nicht über einen Hochschulzugang, also über Zukunftschancen entscheiden.

    Wenn Du den Erfolg von Waldorfschulen nur in Nobelpreisträgern und Erfindungen messen willst, meinetwegen. Es gibt auch noch andere Bereiche. Man könnte sich zum Beispiel fragen, wie deutscher Hip-Hop heute aussehen würde, wären da nicht ein paar Waldorfschüler aus dem Schwabenländle gewesen…

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